Facebook, zu Guttenberg: Alles nur eine Blase?

Der Demo-Samstag ist vorbei und in den beiden facebook-Gruppen für eine Rückkehr und gegen eine Rückkehr wird munter weiter getippt. Das İnternetleben geht weiter, fern der Realitaet. In diese einzutauchen, haben gestern eigentlich nur ganz Wenige geschafft.

Grosszügig geschaetzte 5000 Demonstranten, davon rund 2500 Teilnehmer alleine in Guttenberg. Eine Veranstaltung, welche von der Ortspartei organisiert wurde. Die meisten der „pro“ Teilnehmer dort, aber auch andernorts schienen auf Grund ihres Alters keine Facebook-Nutzer, sondern Parteivolk zu sein, etwas was so nicht in die sich von allem abgrenzende pro Guttenberg-Bewegung hineinpassen wollte.

Daneben traten an einigen angekündigten Demo-Orten Guttenberg-Gegner auf, zahlreicher und  teilweise auch origineller als die Befürworter. Die Grenzen zwischen Befürwortern und Gegnern zerfloss und überforderte viele Teilnehmer und in der ersten Phase auch Journalisten.

Alles also eine Blase?

Nein. Eine Entwicklung, welche ernst genommen werden sollte. Dies aus mehreren Gründen:

– Hier liessen İnteressengruppen mit Mediennaehe (oder Medien mit unmittelbaren İnteressen?) ihre Muskeln spielen. Ein Test:“Wie weit vermögen wir über İnternet neue Gruppen zu erreichen?“ 570 000 in der Gruppe pro Guttenberg und BİLD stockt gleich auf 1,2 Mio auf, indem die  Mitglieder der Vorgaengergruppe nochmals dazugezaehlt werden. Doppelt gemoppelt haelt besser. Damit soll Druck erzeugt werden und der hielt genau so lange, bis diese Gruppe sich haette zeigen müssen – auf der Strasse. Sagen wir 2000 aktive facebook-Mitglieder. Von 1,2 Mio…? Protest sieht anders aus.

– Cyberkrieg zwischen Pro und Kontra. Wie bei den Demos mussten auch in den beiden Gruppen Beitraege gut gelesen werden, um zwischen  „echt“ und „unecht=von der Gegenseite“ erkannt zu werden. Nicht überall war es so offensichtlich wie „Wo findet die Demo in Hamburg statt?“ „İn Bremen“…

İdeologie: Letztlich beschmiss und beschmeisst man sich mit ideologischen Cliches von „Linken Ratten“ bis „Nazi“ und das wiederum ist eigentlich nicht facebook-typisch. Sind es also letztlich Parteien und İnteressenverbaende, welche versuchen politische hypes über facebook auszulösen? Hat man naiverweise an Aegypten, Tunesien gedacht? Vorsicht: Die Leute dort wussten, wofür sie auf die Strasse gingen… Dies auf Deutschland zu kopieren muss misslingen, den Menschen hier geht es zu gut..

Was sowohl in der Pro- wie in der Contra-Gruppe zu erkennen war: Je laenger die Gruppen liefen, desto beleidigender wurden verschiedenste Postings. Nicht gerade klug, zeigt doch die Realerfahrung:“Je staerker eine Gruppe beleidigt und durch den Dreck gezogen wird, desto enger rückt sie zusammen.“ İn der Realitaet. Nicht aber bei facebook, sonst haetten Zehntausende in die Staedte strömen müssen. Facebook als Tummelplatz für anonym bleiben wollende Möchtegernideologen, Möchtegernpolitiker?

Respekt:

  • vor denen, welche mit ihrem Anliegen tatsaechlich auf die Strasse gegangen sind.
  • vor denen, welche in dieser Auseinandersetzung immer wieder den Ausgleich oder den Dialog gesucht haben.
  • welche nicht nur 1000-fach denselben Satz in ihrer Gruppe abgesetzt , sondern recherchiert oder argumentiert haben.

So, das „wir sind Guttenberg“ Gefühl dürfte mit der Realitaet kollidiert sein, Revolution über facebook funktioniert offenbar in unseren Breitengraden (noch) nicht, das werden viele zur Kenntnis genommen haben.

Aber instrumentalisieren laesst sich diese Menge allemal. Buttons, Shirts und nun Spenden für in Not geratene Bundeswehrsoldaten und deren Familien. Wer wird daraus medial oder politisch Kapital schlagen??

So gesehen bedeuten auch diese Gruppen zuletzt nicht mehr  und nicht weniger als eine für Politik und Wirtschaft interessante Zielgruppe. Darum geht es, auch wenn viele meinten, sie erlebten hier die Geburtsstunde der Demokratie, die grossen Gefühle usw. Das alles wurde enttaeuscht und damit könnte auch die Menge der „Frustrierten“, von der Politik nichts Erwartenden, zunehmen. Also eigentlich Sprachlosigkeit und möglicherweise auch Wut, angesichts von gegenseitigem Spott und Hohn.

Von da bis hin zu Extremismus oder Radikalismus ist es ein kleiner Schritt.

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5 Kommentare zu “Facebook, zu Guttenberg: Alles nur eine Blase?

  1. Scheiß Artikel.
    Ich soll denen „Respekt“ zeigen, die tatsächlich auf sie Straße gegangen sind oder richtig argumentiert haben? Sorry, aber das ist lächerlich. Sowas sollte selbstverständlich sein.
    Genauso wie du einfach mal unterschlagen hast, dass nicht nur „ein paar“ Gegner anwesen waren, sondern bei den Demos mindestens die Hälfte! Vielleicht nicht in Guttenberg, aber in Berlin und Hamburg auf jeden Fall. Wie wärs mal mit sowas, als leichte Lektüre zwischendurch?
    http://www.welt.de/politik/deutschland/article12708401/Wir-sind-laut-weil-man-uns-den-Gutti-klaut.html

    • Hast du bemerkt, dass bei denjenigen, welche auf die Strasse gegangen sind, nicht zwischen pro und kontra unterscheide, sondern festhalte, dass sie auf die Strasse gegangen sind…

      Vielleicht liest du meinen Beitrag nochmals durch, dann findest du:
      „Daneben traten an einigen angekündigten Demo-Orten Guttenberg-Gegner auf, zahlreicher und teilweise auch origineller als die Befürworter. Die Grenzen zwischen Befürwortern und Gegnern zerfloss und überforderte viele Teilnehmer und in der ersten Phase auch Journalisten.“

  2. der letzte Satz sagt alles das aus, was bei mir gerade „abgeht“: Sprachlosigkeit und Wut vor der Intoleranz angesichts des Hohns gegeneinander.
    Ich muss erst einmal meine Gedanken ordnen; zu vieles ist mir bewusst geworden ….. Wo steht unsere Gesellschaft, wo ist das soziale Gefüge untereinander geblieben, der Respekt vor dem anderen Menschen? Wer oder welche Gruppierung lebt unserer Jugend diese Gehässigkeit vor, die jetzt „mainstreammäßig“ dieser Welle folgt? Ich bin erschüttert…

  3. Ja, so ist das, wenn die virtuelle Welt auf die Realität trifft. Es ist eben ein großer Unterschied, ob ich am warmen Ofen sitzend den „Gefällt mir“-Button anklicke oder am Samstag morgen aufstehen soll, um zur Demo zu gehen. Hat jemand ernsthaft daran geglaubt, dass sich hunderttausende Demonstranten auf die Straße begeben? Was ist denn passiert? Ein in weiten Teilen der Bevölkerung beliebter Politiker musste seinen Hut nehmen. Punkt! Das mag für die, die ihn so gemocht haben, ein schwerer Verlust sein. Aber in der Demokratie ein ziemlich normaler Vorgang mit vielen Beispielen in der Vergangenheit. Den Rücktritt so dazustellen, als sei unser Land, unsere Demokratie nun dem Untergang geweiht, weil Herr Guttenberg als Heilsbringer ausfällt, hat nicht ernsthaft getaugt, um Massen zu mobilisieren. In Ägypten und Tunesien ging es um existenzielle Rechte: Meinungs- und Pressefreiheit, gegen Polizeiwillkür, freie Wahlen usw. Wie naiv muss man sein, um zu glauben, dass dieser Geist sich auf Deutschland überträgt, nur weil hier ein beliebter Politiker seinen Rücktritt erklärt? Die Facebook-Anhänger von Herrn Guttenberg waren schlecht beraten, ihren Protest von der virtuellen in die reale Welt zu übertragen. Bis gestern waren die 500.000 Klicks auf Facebook eine eindrucksvolle Demonstration seiner Befürworter, auch wenn es bereits erste Zweifel an der Rechtmäßigkeit dieser Zahl gab. Nach den verunglückten Demos ist die Guttenberg-Blase geplatzt. Zurück bleibt nichts weiter als heisse Luft!

  4. @Manuel
    warum schaust du geringschätzig auf die Facebook-Guttenberganhänger und zweifelst die Likes an und siehst das Zerplatzen der Gruppe? Natürlich sind da durchgeknallte Typen, die Stimmung für und gegen Guttenberg machen. Aber dennoch sind etliche Menschen aufgewacht und sehen die Rücksichtslosigkeit in unserer Gesellschaft, eine Rücksichtslosigkeit, die durch die Medien noch aufgepusht wird.
    Vielen geht es nicht um Guttenberg persönlich oder was auch immer, sondern es geht um die Art und Weise des Umgangs miteinander und den fehlenden Respekt vor der Würde eines Menschen, siehe Grundgesetz.
    Und das fängt schon damit an, dass man das Tun anderer in Zweifel zieht und dabei diese gleichzeitig verhöhnt.

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