Fukushima: Verdraengungskünstler?

Diesem Begriff begegnet man in den letzten Tagen immer wieder, wenn es darum geht, das Verhalten der japanischen Bevölkerung, der Regierung und der Verantwortlichen des AKW Fukushima zu beschreiben. Etwas detaillierter: Es scheint eine Besonderheit in der japanischen Gesellschaft zu sein, schlechte Nachrichten für sich zu behalten und stattdessen Hoffnungsschimmer an die Wand zu zeichnen. Hoffnungslosigkeit birgt die Gefahr von Verzweiflung, Panik, Wut.

Das ist nur eine japanische Besonderheit? Angesichts der Nachrichten, welche bei uns über das İnternet hereinprasseln, neige ich dazu, dieselbe Besonderheit auch unseren Medien zuzuschreiben. Die Wahrheit kommt scheibchenweise und immer verknüpft mit dem Strohalm der Hoffnung, welcher in seiner Bedeutung masslos überzeichet wird. Damit setzt man einen Anker. Daran halten sich alle fest und können sagen:“Es wird wohl nicht so schlimm werden.“ Gleichzeitig ist man nicht gezwungen, weiter zu denken. Es reicht dann immer noch, sich mit dem Thema praktisch auseinanderzusetzen, wenn der unvorstellbare Gau eintreffen sollte…

Auch ich hoffe, es kommt nicht zum Schlimmsten, es möge noch irgendwas Entscheidendes passieren, was diesen tödlichen Kreislauf zu unterbrechen vermag. İch hoffe es, für alle Menschen im sonst schon arg geschüttelten Krisengebiet. Aber ich glaube nicht mehr daran.

İch fühle mich ohnmaechtig und wütend angesichts dessen,  was mir hier als Strohhalm vorgesetzt wird. Von Journalisten, welche durchaus mal das eigene Hirn einschalten dürften und nicht jede Agenturmeldung 1:1 in ihre Ticker setzen.

  • Helikopter werfen „Wasserbomben“ und der Betreiber TEPCO meint, das sei ein Erfolg gewesen, es sei weisser Dampf aufgestiegen… Die Bilder zeigen Helikopter, deren „Wasserbomben“ sich in der Luft als Gischt auflösen und deren Fracht (rund 7 Tonnen Wasser) zu 70% vom Winde verweht neben den Reaktor faellt. Ja, was soll denn das?
  • Die Wasserwerfer machen sich daran, Reaktor 4 zu bespritzen. Problemfall ist das Ruhebecken. Hier muss Wasser rein. Es fasst 2000 Tonnen Wasser. Wie sagte jemand? „Mit Spritzpistolen gegen einen Waldbrand“.
  • Das Notstromkabel. Dank ihm soll die Kühlanlage wieder in Betrieb kommen. Das mag für Reaktor 5 oder 6 funktioneren, hoffen wir es. Angesichts der Zerstörung der andern Reaktoren fehlt mir der Glaube, dass dieses System noch Wasser dorthin leiten kann, wo es benötigt würde.
  • Radioaktivitaet: Mal rauf, mal runter, mal unbedenklich, mal bedenklich. TEPCO hat heute Nacht die zulaessigen Grenzwerte für Arbeiter auf 100 Millisievert/Stunde erhöht. Nach europaeischem Verstaendnis riskiert jemand, der diese Menge als Jahresdosis abkriegt, gesundheitliche Schaeden. Hier wird aber von einer Stundendosis gesprochen…

Was wirklich ablaeuft stellt die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit taeglich in sehr guten Bulletins und Graphiken zusammen. Hier die Grafik in Sachen Radioaktivitaet rund um Fukushima. Daraus kann man ablesen, dass die Verseuchung von Tag zu Tag grasvierendere Ausmasse annimmt und bereits jetzt weit über den für Menschen zulaessigen Werten liegt. Hier die Grafik Demnach fallen die Belastungen am Haupttor derzeit nicht mehr unter 1000 Mikrosievert/Stunde.

Die ganze Welt sitzt nun wie die Maus vor der Schlange gebannt in der Ecke, wissend(?), dass sie gefressen werden wird. Natürlich nicht unittelbar, denn das alles ist ja weit weg. Der naechste Strohhalm – für uns. Aber nicht für die Menschen dort.

Denn da waere noch: Derzeit leben rund 380 000 Menschen in völlig überfüllten und unzureichenden Notlagern. Evakuierung weiterer Gebiete sind nur möglich, wenn man die Menschen in entfernteren Provinzen unterbringen kann. Doch auch dort: Das sind keine Unterkünfte zum Bleiben, denn es handelt sich um Hallen, nicht oder schlecht beheizbar. Kommt dazu, der Winter hat begonnen.

Die humanitaere Katastrophe aus Beben und Tsunami alleine müsste eigentlich schon laengst die Weltgemeinschaft auf den Plan bringen. Dringend benötigter Nachschub: Medikamente, Nahrungsmittel.

Über allem schwebt die nukleare Katastrophe: Jod-Tabletten, Evakuierungsplaene, Versorgung Verstrahlter, grossraeumige Umsiedlungsplaene usw. usw.

Das waere die Solidaritaet, von der wir dauernd sprechen. Es scheint sich aber politisch einzubürgern, zuerst die grossen Gefühle und Solidaritaetsbekundungen zu leben (Haiti laesst grüssen), damit das eigene İCH persönlich oder politisch medienwirksam aufzupolieren. Übersehen wird dabei, dass wir immer mehr dazu neigen, den Dingen hinterher zu laufen..zum Schaden von Millionen von Menschen.

 

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