Atomkraft: Wo ist die Stimme der Ethiker ?

Heute ist Sonntag und in christlichen Laendern Zeit für die Sonntagspredigt. So ist es kein Wunder, dass auch in den Medien heute sehr viel von Moral und Ethik geschrieben und philosophiert wird. İst es moralisch- ethisch verantwortbar, in Fukushima hunderte von Menschen in den sicheren Tod zu schicken, darf man das?

İn der momentanen Situation scheint dies unausweichlich. Man erhofft sich damit rational und die Realitaet verdraengend, das Leben von möglicherweise Millonen Menschen zu schützen. Dran mag man nicht denken. 200 Tote sind weniger als 2 Mio Opfer.

Es sei denn, man stellt die Frage anders, knüpft sie zeitlich VOR die aktuelle Situation, welche uns nur die Chance auf eine Schaden begrenzende Antwort gibt.  İst es moralisch ethisch verantwortbar, Technologien anzuwenden, welche im Extremfall nicht beherrschbar und in jedem Falle Tausende von Menschenopfern zur Folge haben.

Etwas eingegrenzt unter dem Thema Wirtschaftsethik findet sich heute  ein hervorragender Beitrage von Michael Maier in den deutsch-türkischen Nachrichten.

Nach Fukushima: Wirtschafts-Ethik muss neu buchstabiert werden Unbedingt lesen!

İch möchte einen Schritt weiter gehen und verwende als Einleitung zwei Beispiele:

1. In der Schweiz wird Arnold Winkelried als Held gefeiert, weil er am 9. Juli 1386 in der Schlacht von Sempach, welche für die Schweizer auf der Kippe stand, einen Bündel Speere des Gegners gefasst, sich in den Körper gestossen haben soll und damit den Schweizern eine Bresche öffnete, den Grundstein für den spaeteren Sieg legte. Es ist eine Legende und niemand weiss, ob er sich freiwillig da reinwarf, oder ob er allenfalls einfach gestossen wurde… Held oder Opfer?

Ohne diesen Krieg haetten wir weder Held noch Opfer…

2. Herr zu Guttenberg hatte eigentlich seine Plagiatsaffaere politisch schon so gut wie ausgesessen, mehrten sich doch die Argumente aus der Politik, angesichts der Toten in Afghanistan sei es „pietaetlos“, sich  überhaupt mit so einer „Jugendsünde“ zu befassen etc. etc. Das Blatt wendete sich jedoch, als Wissenschaftler und Professoren das Verhalten des damaligen Ministers beim Namen nannten, unentwegt wiederholten und zwar laut und unmissverstaendlich: Lüge, Betrug. Dies erzeugte einen Druck, dem sich auch Politiker trotz facebook und BİLD nicht mehr entziehen konnten. Die öffentliche Meinung begann zu kippen. Herr zu Guttenberg MUSSTE zurücktreten, ansonsten haette die Koalition gravierenden Schaden erlitten. Er war nicht mehr haltbar gegen die Front der Wissenschaftler.

Es gibt  Kodexe, an welche sich alle zu halten haben. Allerdings nur dann, wenn die zustaendige Autoritaet auch aktiv wird.

Heute habe ich ein praktisches Problem. Laesst sich der Begriff Ethik fachspezifisch spalten oder ist er letztlich als Überbegriff unteilbar? Naemlich „die praktische Philosophie, welche sich mit dem Handeln des Menschen befasst“.  Sind Begriffe wie Wirtschafts-Ethik, Erfolgs-Ethik, christliche Ethik, katholische Ethik, protestantische Ethik usw. usw. in ihrer Themenzentriertheit vom Thema geleitet oder von einer übergeordneten Grundethik? Gibt es diese? Wo steht in dieser Frage die Kirche, wo stehen die Weltreligionen, welche sich alle dem Heil und der Achtung vor menschlichem Leben, von Leben grundsaetzlich verschrieben haben? Wo stehen sie heute? Fukushima ist eine Nagelprobe.

Dieser gedankliche Exkurs hat mich persönlich weitergebracht. Dies in einer Frage, welche mich 1970-1980 im Zusammenhang mit den damaligen AKW-Protesten in Europa, 1986 im Falle von Tschernobyl, alljaehrlich stattfindender  Castor-Transporte beschaeftigte und in den letzten Tagen erneut bewegt.

Mit welchem Recht?

darf ein Mensch Projekte realisieren, deren negative Folgen möglicherweise hunderte von Jahren spaeter durch  dannzumal lebende Personen bewaeltigt werden müssen?  Mit welchem Recht?

– darf Politik in Fragen Kernenergie Entscheide faellen, ohne in der Frage der Endlagerung, das gebrauchte, neutralisierte, Null-Strahlung aufweisende Uranium oder Plutonium im eigenen Wohnzimmer aufstellen zu können? Nicht in 20000 Jahren, sondern innerhalb der Lebenszeit des Politikers. Mit welchem Recht? Was sagen die Ethikkomissionen, welche heute fester Bestandteil des parlamentarischen Betriebes sind zu diesem Thema? Mit welchem Recht schweigen sie?

dürfen  Atomindustrie und die damit verbundenen Lobbys bereits heute ungestraft öffentlich darüber sprechen, dass man aus dem Falle Fukushima Lehren zu ziehen habe, aber eine Welt ohne Atomkraft unvorstellbar sei. Mit welchem Recht?

Welche moralisch-ethische İnstanz verbietet all diesen Leuten, sich so in der Öffentlichkeit zu aeussern, derartige Projekte weiter zu betreiben und entsprechende Entscheide zu faellen? Wer pfeift diese Leute in aller Schaerfe zurück? Dies darf, basierend auf den Ereignissen  der letzten 30 Jahre, durchaus mit Begriffen wie Verbrecher, Kriminelle, Mörder geschehen. Denn es handelt sich hier nicht um  Arbeitsunfaelle, sondern um ein nicht ausreichend funktionierendes System, dessen Gefahren man bereits seit der Planung kennt. Seine Namen: Endlagerung, Restrisiko.

Heute ist diese Frage für mich beantwortet. Es müssen die Ethiker sein, denn wer hier zuschaut und schweigt, darf den Begriff Ethik nicht mehr im Munde führen. Risiken, ungelöste Fragen und Störfaelle von Nukleartechnologie sind unvereinbar mit dem, was wir Ethik nennen.

Wer also konkret? Hier sind sie alle! Hunderttausende von Menschen, welche sich explizit zu diesem Thema als kompetent erklaeren.

Herrschaften, wo ist eure Stimme? Reicht es, heute zu sagen:“Lasset uns beten für die Opfer dieser Katastrophe?“ Reicht das? Falls ja, seid ihr überflüssig und führt einen falschen Titel.

Falls nein, lasst euch endlich vernehmen, verdammt noch mal!

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