Fukushima: Krisenmanagement? Was ist das?

Bevor ich hier eine Reihe von Vorfaellen mit beissender Kritik kommentiere, möchte ich zwei Abschnitte voranstellen:

1. Auslöser für dieses Kernkraftunglück war ein gewaltiger Tsunami, den wohl niemand so erwartet hat, erwarten konnte. Zehntausende von Menschen sind ertrunken, ganze Staedte wurden weggefegt und über 400 000 Menschen leben derzeit unter misslichsten Verhaeltnissen, unterversorgt in Hallen. Aber: Der Tsunami ist weg, die Schaeden unübersehbar und trotzdem langsam überschaubar. Man kann also dagegenhalten und angesichts der Dimensionen bleibt Japan hoffentlich nicht auf sich alleine gestellt. Breite internationale Hilfe ist und bleibt nötig, um den Menschen so bald wie möglich eine Perspektive geben zu können.

2. Gestern sah ich eine eindrückliche Filmsequenz aus Japan. Manager des AKW Betreibers TEPCO in einer Halle für Obdachlose. Sie schreiten eine lange Reihe ab, stellen sich vor jedem Obbdachlosen hin, nehmen Haltung  an und Manager sowie Betroffener verneigen sich  voreinander. Der Manager schreitet weiter, die naechste Leid geprüfte Person, dasselbe Ritual. Entschuldigung auf japanisch. Taete manchem EU Banker mal gut….

Die japanische Kultur kennt eigene Rituale, einen eigenen Umgang mit Katastrophen, funktioniert nach anderen gesellschaftlichen Kodexen und die wollen respektiert sein.

Daneben haben wir den Super-GAU von Fukushima, welcher als Ereignis, möglicherweise auch mit seinen unmittelbaren Folgen weit über Japan hinaus strahlen wird. Es handelt sich also um keine nationale, sonern eine internationale Angelegenheit und so möchte ich meine Kritik verstanden haben:

Freitag 11.3.-Dienstag 15.3.:

Nach Beben und Tsunami eine absolut chaotische Situation, wohl auch im Bereiche Kommunikation, Ausfall der Kühlsysteme, sich widersprechende Meldungen von möglichen Reaktorschmelzen, nacheinander Wasserstoffexplosionen, kurz: İnnerhalb von 4 Tagen werden die Reaktorgebaeude 1-4 und mit ihnen teilweise die Reaktoren und Kühlbecken so geschaedigt, dass nur noch mit Notmassnahmen , Kühlung durch Einspeisung von Meerwasser, welche gleichzeitig die endgültige Zerstörung der Blöcke 1-4 beinhalten, reagiert werden kann.

Zustaendig für die zu treffenden Massnahmen ist der Betreiber TEPCO, welcher sweinerseits die Regierung informiert. Klar, jeder Betreiber waere in einer solchen Situation überfordert und ist auf Hilfe angewiesen. Wo sind diese international agierenden trouble shooters, was wurde von der İAEA diesbezüglich bis heute gemacht, wo sind die Leute der Reaktorenhersteller usw.? Nichts!

TEPCO ist zustaendig und basta, informiert die Regierung und die gibt das, was sie erfaehrt weiter, hat damit scheinbar ihre Pflicht erfüllt. Also auch kein nationaler Notfallplan.

15.3. : TEPCO will all seine Leute aus der Anlage zurückziehen. Die Regierung lehnt das mit folgender Begründung ab: «Es geht nicht darum, ob Tepco kollabiert, es geht darum, ob Japan zusammenbricht» TEPCO muss also weiter machen. In Russland wartet eine Eingreiftruppe, kriegt aber keine offizielle Bewilligung aus Japan.

17.3. Auf einer Pressekonferenz antworten TEPCO-Manager auf die Frage nach dem Zustand des Reaktorgebaeudes 4: „Wir können dazu keine konkreten Angaben machen, da wir das Gebauede nur  aus der Ferne und nicht von oben inspizieren können“.

Also nochmals: Der Welt viertgrösster Atomstrom-produzent TEPCO ist nicht in der Lage innerhalb von 6 Tagen Überflüge mit Spezialkameras zu organisieren, um sich überhaupt ein Bild von der Gesamtsituation machen zu können. Stattdessen wird von Pumpen und Feuerwehrautos gesprochen, welche das Überhitzungsproblem lösen „könnten“.  Die kommen dann auch und spritzen sagenhafte 90 Tonnen Wasser in ein Kühlbecken mit 2000 Tonnen Fassungsvermögen. Das wird als Erfolg kommuniziert und soll zur Beruhigung in Reaktor 4 beigetragen haben. Ein Scherz!! Aber İAEA und Regierung sehen das genauso.

18.3. Es sind die USA, welche eine Drohne schicken und die Bilder der Regierung überlassen. Dieser platzt der Kragen, sie bemaengelt die İnformationspolitik von TEPCO und beschliesst einen gemeinsamen Krisenstab aus TEPCO und Regierungsvertretern. USA und Frankreich stufen das Ereignis auf 6 in İNES-Skala, Japan bleibt bei 4. Die USA fordern ihre Bürger auf, den 80 Kilometer-Radius um Fukushima zu verlassen, die japanische Regierung belaesst es bei 20 Kilometern, empfiehlt spaeter 30 Kilometer und sich nicht mehr aus dem Hause zu bewegen… Das alles sei eine reine Vorsichtsmassnahme. Evakuierung im 80 Kilometer-Radius würde nicht 200 000 Menschen, sondern weiter 1,4 Mio Menschen betreffen..

Schon laengst kritisieren Russland-USA und viele Umweltorganisationen, dass dieser Radius erweitert werden müsste, waehrend die İAEA aus Wien beruhigende Botschaften in die Welt sendet. Erst am Samstag erklaert der Praesident der İAEA, selbst Japaner, er werde aus Wien abfliegen, um einen direkten Augenschein vor Ort zu nehemen. İm Klartext: Bis zu diesem Zeitpunkt mauschelt die japanische Regierung mit TEPCO an der Lösung des Problems.  Völlig untaugliche Einsaetze wie Wasserabwürfe ab Helikopter aus über 100 Metern Höhe, Feuerwehrautos der Armee mit eingeschraenkter Reichweite (kann man das nicht früher abklaeren?) zeigen, dass offensichtlich keinerlei Erfahrung und know how von dritter Seite einbezogen wurde.

17.-21.3 Warten auf Strom

Neben den Notkühlarbeiten, welche weiterhin hohen Personaleinsatz und entsprechendes Verstrahlungsrisiko beinhalten, wird nun alles von einer zu ziehenden Stromleitung abhaengig gemacht. Am Freitag soll es so weit sein und die ersten Gebaeude angehaengt werden. Es wird Samstag, Sonntag, Montag und am Dienstag ist dann das erste Gebaeude dran, laufen die unversehrten Blöcke 5/6 wieder am Strom. Ansonsten der Rückschlag: Block 2 auch am Strom aber Pumpe defekt. Ersatzpumpe wird bestellt…

Haben die Verantwortlichen allen Ernstes geglaubt, es reiche, Strom zu bringen, um die Kühlsysteme wieder in Gang zu bringen? Kein Alternativplan, nicht schon Pumpen für alle 4 Reaktoren bestellen?  Falls ja, wie sieht es aus um die Einspeiserohre in den völlig überhitzten Reaktoren und Gebaeuden??? Kann man ernsthaft glauben, diese seien weiterhin intakt? Wenn nicht, was dann???

Spezialisten ?

Am Montag gibt die Regierung bekannt, sie berufe zwei ausgewiesene Nuklearspezialisten in den Krisenstab. Es handelt sich dabei ebenfalls um zwei Japaner.

11 Tage nach dem Crash werden nun Spezialisten an Bord genommen, aber auch diese hausgebacken. Die Russen warten weiterhin. Über ein Angebot der USA, welche rund 150 Spezialisten anbieten, beabsichtig die japanische Regierung „innerhalb von zwei“ Tagen zu entscheiden. Klingt toll nicht?

Löschversuch 2

Dienstag 22.3.  Auf dem AKW-Araeal steht die neueste Versuchsanordnung: 1, (in Worten EİNE) Betonpumpe der Marke Putzmeister. İhr Einsatz hat den Vorteil, dass Wasser zielgenau in den Reaktor kommt und die Pumpe selbststaendig arbeitet. Eine zweite Maschine, noch leistungsstaerker ist am Dienstag auf dem Seeweg von China nach Japan unterwegs…

Ja, so vergeht die Zeit, im Moment müssen wieder alle die Köpfe einziehen, zwei Reaktoren drohen naemlich hochzugehen, insbesondere die Nr.1 ist kritisch und von Verstrahlung sprechen wir lieber nicht, da ist ja dann noch Zeit, wenn sie da ist.

Es macht den Anschein, dass AKW’s bezüglich Notvorsorge, Notfalldispositiven, auch Kommunkiationstechnik auf dem Niveau eines mittleren Holzofenbaeckereibetriebes  durchaus geführt werden können.

Es ist offensichtlich, dass es international keine Eingreiftruppe für derartige Störfaelle gibt. Das schaut man sich dann wohl doch lieber aus der Ferne an.

Es ist offensichtlich, dass die İAEA Null Einfluss, Null Macht und möglicherweise auch NUll İnteresse hat, diesbezüglich irgend etwas zu aendern. Klar, nach deren Statistiken kommen ja solche Unfaelle in 20 000 Jahren höchtens einmal vor… Bravo !!!!

Kernkraftwerke können unter Zustaendigkeit und Verantwortung der einzelnen Laender gebaut werden. Die Kontrollen finden ebenfalls national statt, was alleine bei TEPCO offenbar bereits wieder ein ganzes Buch über Schlamperei und Vertuschung, Verfilzung füllen würde..

Angesichts dessen, dass die gesamte Frage der Endlagerung, der Auswirkungen von Unfaellen ganz klar internationale Bedeutung haben, im Störfall ganze Kontinente in Mitleidenschaft gezogen werden könnten, wird das Thema Planung und Betrieb von AKW’s  offensichtlich jedem einzelnen Staate selbst überlassen.

Der Grund ist klar: Eine verbindlicher auftretende internationale Organisation, welche Standards einfordert, Auflagen macht, müsste natürlich im Schadenfall den Kopf ebenfalls hinhalten und wenn das schon weltweit keine Risikoversicherung macht, dann ist es sicher komfortabler, sich da rauszuhalten.

So ist es jetzt TEPCO, welche den Spiess umdreht. 13,4 Mia € bis Ende Monat, aber sofort!  Ein Stromriese , welcher waehrend Jahrzehnten Milliardengewinne schreibt… Jetzt will er nach 12 Tagen Störfall zuerst mal Bares…

Ja, auch mit Krisen kann man gute Geschaefte machen…

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Ein Kommentar zu “Fukushima: Krisenmanagement? Was ist das?

  1. Auch die WHO hat sich nicht gerade mit Ruhm bekleckert und wurde nur sehr langsam immer klüger. Manchmal auch das Gegenteil:

    http://www.sueddeutsche.de/politik/japan-atomkatastrophe-in-fukushima-strom-und-wasser-zwei-fronten-plan-gegen-den-super-gau-1.1073729-2
    18.03.2011
    08:08 Uhr Beruhigende Worte: Nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bleibt das Risiko der Strahlenbelastung nach dem Reaktorunglück in Japan bislang lokal begrenzt. Es gebe „keine Hinweise auf eine signifikante Verbreitung von radioaktivem Material“ abseits der unmittelbaren Umgebung des Atomkraftwerks Fukushima-Daiichi (1), sagte der Leiter der WHO in China, Michael O’Leary.

    http://taz.de/1/zukunft/umwelt/artikel/1/liveticker-japan-3/
    21.03.2011
    10.50 Uhr: WHO besorgt über verseuchte Lebensmittel
    Die Weltgesundheitsorganisation WHO ist über die Belastung von Lebensmitteln durch austretende Radioaktivität im Norden Japans „stark besorgt“. Das erklärte am Montag ein WHO-Sprecher in Genf auf Anfrage. Noch in der vergangenen Woche hatte die WHO die Lage im Zusammenhang mit den havarierten Atommeilern als nicht Besorgnis erregend eingestuft. Man werde sich der Lage mehr und mehr bewusst, sagte der Sprecher. „Die Dinge haben sich ganz sicher seit der vergangenen Woche bewegt.“
    12.20 Uhr: Hoch belastetes Blattgemüse
    Bei Hitachi, 100 Kilometer südlich von Fukushima ist Blattgemüse zum Teil sehr hoch mit radioaktiven Substanzen belastet. Bei Spinat wurde zum Beispiel ein Jod-131-Wert von 54.000 Becquerel und einen Cäsium-Wert von 1.931 Becquerel je Kilogramm gemessen. Die Grenzwerte liegen in Japan bei 2.000 Becquerel für Jod und bei 500 Becquerel für Cäsium. Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt allerdings einen generellen Grenzwert von nur 100 Becquerel pro Kilo.
    13.05 Uhr: Japanische Lebensmittel sind ungefährlich
    Die in einigen japanischen Lebensmitteln nachgewiesenen erhöhten Radioaktivitätswerte sind nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ungefährlich. Lebensmittel wie der betroffene japanische Spinat, die kurzzeitig Radioaktivität ausgesetzt gewesen seien, stellten auf kurze Sicht keine Gefahr für die Gesundheit dar, behauptet der Sprecher für die WHO im Asien-Pazifik-Raum, Peter Cordingley, gegenüber der Nachrichtenagentur AFP. „Dasselbe gilt für die Milch, sie ist keine Gefahr für die Gesundheit.“

    http://www.welt.de/vermischtes/weltgeschehen/article12901836/Raetselhafter-Rauch-ueber-zwei-Fukushima-Reaktoren.html
    21.03.2011
    16.25 Uhr: Die Weltgesundheitsorganisation fordert Japan dazu auf, stark radioaktiv belastete Lebensmittel unverzüglich aus dem Handel zu nehmen. Verstrahlte Lebensmittel seien eine größere Gefahr für die menschliche Gesundheit als radioaktive Partikel in der Luft, erklärte WHO-Sprecher Gregory Hartl. Denn während die Partikel in der Luft nach wenigen Tagen verschwunden seien, lagerten sich die Partikel aus Lebensmittel im Körper ab.

    Und schließlich wieder IAEA:
    http://www.welt.de/vermischtes/weltgeschehen/article12901836/Hohe-Radioaktivitaet-ausserhalb-der-Evakuierungszone.html
    21.03.2011
    20.04 Uhr: Die Strahlungswerte in Fukushima sind nach Informationen der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA auch außerhalb der Evakuierungszone hoch. Die Messwerte lägen auch außerhalb der Zone in einem Umkreis von 20 Kilometern um das Atomkraftwerk erheblich über der natürlichen Strahlung. „Da muss man sich etwas überlegen“, sagt ein hochrangiger IAEA-Beamter.

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