Fukushima: Auf der langen Bank

Wer die İnformationspolitik aus Fukushima etwas eingehender verfolgt, hat mitgekriegt, dass nun von Seiten von TEPCO und der Regierung eine neue Strategie gefahren wird. Ein Müsterchen gefaellig?

Es werde voraussichtlich etwa drei Monate dauern, durch das Schließen von Lecks das Austreten von Radioaktivität aus der Anlage im Nordosten des Landes zu verringern, sagte Katsumata in Tokio.

Danach werde es wohl noch weitere drei bis sechs Monate dauern, „bis wir die radioaktiven Lecks auf ein sehr geringes Maß zurückfahren können“, indem die Temperatur in den Reaktoren und in den Abklingbecken für gebrauchte Brennstäbe gesenkt werde. Quelle Spiegel vom 17.04.2011 

Es kann sich hier um keinen Übersetzungsfehler handeln, denn verschiedene, auch fremdsprachige Medien gaben die Presseerklaerung inhaltlich so weiter.

Ich formuliere um:

1. Waehrend der kommenden drei Monate wird aller Voraussicht nach weiter radioaktive Flüssigkeit austreten. Dann hofft man, diese Lecks geschlossen zu haben.

2. Bezüglich der Strahlenlecks geht man davon aus, dass diese innerhalb von 6 bis 9 Monaten geschlossen werden können, sofern die Problemreaktoren und Ruhebecken auch wirkungsvoll gekühlt werden können.

Im Klartext: Die ganze Anlage strahlt relativ unkontrolliert weiter, Flüssigkeit tritt an mehreren Orten aus  und erst wenn Punkt 1 und 2 erfüllt sind, kann man davon ausgehen, dass Fukushima so weit wieder im Griff ist. Davon kann derzeit keine Rede sein, denn:

  • Weiterhin müssen von aussen Unmengen Wasser zwecks Kühlung zugeführt werden. Diese addieren sich taeglich zum abzupumpenden Wasser auf, also muss auch der Zeitrahmen für das Entfernen hochaktiven Wassers entsprechend der Einfüllmenge und nicht nur auf Grund der in den Kellern liegenden Wassermenge korrigiert werden.
  • Dieser ganze Zeitplan setzt voraus, dass die Kühlung wieder als geschlossenes System in Betrieb geht. Egal, ob nun ganze Kühlanlagen neu installiert werden: Die massiven Beschaedigungen an den Reaktoren 1 – 3 lassen am Gelingen dieses Vorhabens zweifeln.  Von den Kühlbecken sprechen wir schon gar nicht.
  • Waehrend mindestens 6 Monaten wird also die Verstrahlung, vor allem mit den Stoffen Caesium zu einer immer höheren Kontamination der Region führen.
  • All diese Plaene stehen und fallen ausserdem mit der Frage, was zu erwartende Nachbeben an den bereits arg havarierten Reaktoren anzurichten vermögen. Dann könnten alle Anstrengungen mit einem Schlage zunichte gemacht werden.
  • Noch weiss man gar nicht, wo überall Lecks sind, da gewisse Zonen von Menschen nicht betreten werden können. Durch Einsatz von Robotern versucht man nun mehr Klarheit zu kriegen. Also ist auch der gesetzte Zeitplan mehr als relativ.

Was  viel belaechelte und verspottete Experten bereits zwei Wochen nach dem Unfall behaupteten, wird Tatsache: Fukushima ist ein Supergau der schleichenden Art. Die Beschaedigungen sind derart gravierend, dass auf einen langen Zeitraum mit Austritt von Radioaktivitaet gerechnet werden muss und die gesamte Situation in den kommenden Wochen alles andere als unter Kontrolle sein wird. Weiterhin wird einfach krampfhaft versucht, die Probleme in den Griff zu kriegen.

So ist nun auch die neue İnformationsstrategie, wohl massgeblich von der internationalen Atomlobby gesteuert, einzuschaetzen. Man erweckt den Eindruck: „Wir haben das Ding unter Kontrolle, auch wenn es im Moment strahlt (und aufgepasst: Es wird dauernd von Reaktor 1 und 2 gesprochen, nicht aber vom schwerstbeschaedigten Plutonium-Reaktor 3 !!!!) und in spaetestens 9 Monaten strahlt es nicht mehr..“  Es gibt auch keine İnfos mehr über den Zustand in den einzelnen Reaktoren, Kühlwasserstand, lecke Ruhebecken usw. Das alles liegt nun in einer Sperrzone, welche auch die İnformation miteinschliesst. 
So lohnt es sich,  zeitlich weitraeumig zu informieren und weitere Kritiker mit dem Argument „Wir haben ja gesagt, wir brauchen 6 – 9 Monate, um das hinzukriegen“, abzuwiegeln. 
Dem kann man entgegenhalten: Es ist also tatsaechlich so, dass die Strahlenmenge, welche hier über beinahe ein Jahr freigesetzt wird, deutlich über dem liegen wird, was vor 25 Jahren in Tschernobyl gemessen wurde. Es wird auch so sein, dass sich erst nach und nach herausstellen wird, dass sich im Gegensatz zu Tschernobyl vor allem im Bereiche Grundwasser und Meer bedeutend gravierendere Schaeden einstellen werden, als man das bisher immer behauptet hat. Nicht umsonst schickt nun Greenpeace ein eigenes Schiff zwecks Messungen in diese Region.
Alles in allem: Man naehert sich nach rund 6 Wochen der bitteren Wahrheit, auch wenn dies anders formuliert wird. Die Wahrheit ist: Derzeit können die Techniker unter grösstem Einsatz verhindern, dass die Schmelze, welche schon eingesetzt hat, nicht oder nur langsam weitergeht. Damit sind jedoch weder Austritt von Radioaktivitaet noch eine drohende totale Kernschmelze abgewendet.
Angesichts dieser Tatsache sind die Techniker  noch weit davon entfernt, das  Gesetz des zielgerichteten Handelns anwenden zu können . Nein: Weiterhin wird ihr Handeln vom ausser Kontrolle geratenen AKW und den taeglich neuen Überraschungen bestimmt.. Sie befinden sich in der Dauerdefensive…  
Ein Lehrbeispiel, dass Nukleartechnologie letztlich nicht beherrschbar ist. Es sei denn, man bezeichne die absehbare letzte Etappe dieses Dramas, die Ummantelung der Reaktoren 1-4 als Beleg für die Beherrschbarkeit von Nukleartechnologie. İch würde eher sagen Bankrotterklaerung.
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