Oslo: ..Persilschein für das www ?

Ist dir das auch aufgefallen, oder bewege ich mich in den falschen Kreisen?  Unmittelbar nach dem schrecklichen Attentat von Oslo war quer durch das Netz neben ehrlicher Anteilnahme und Erschütterung eine Kernaussage zentral: Dafür kann man nun wirklich nicht das WWW verantwortlich machen. Eigentlich gab es noch keine Beschuldigungen, doch schien es vielen Usern wichtig zu sein, diesen Vorwurf schon gar nicht erst aufkommen zu lassen. Vermeintlich gute Beispiele wurden nachgereicht: Wegen eines Amokfahrers auf der Autobahn wird das Autofahren auch nicht verboten. Weil ein Flugzeug abgestürzt ist, verbietet man das Fliegen auch nicht. Zur Beruhigung, es geht nicht um Internetzensur.

Derzeit wird, wie schon oft nach unfassbaren Ereignissen, Ursachenforschung betrieben. Vieles wurde schon geschrieben und ich möchte all dem eine Frage anhängen: Ist es vorstellbar, dass der Täter von Oslo ohne Internet eine derartige Ideologie erarbeiten und Selbstsicherheit gewinnen kann, um letztlich diese fürchterliche Tat auszuführen?

Teil a: Möglich, dass er fremdenfeindlich, frauenfeindlich denkt. Eher unwahrscheinlich ist es jedoch, dass er sich in 1:1 Gesprächen auf diese Art und Weise profilieren und letztlich bestätigen kann, wie es anonym via Internet möglich ist. Er hätte die virtuelle Lobby nicht.

Teil b: Wenn aber die Sicherheit fehlt, dass da bereits Tausende „nur auf ein Signal warten“, um die Veränderungen, über welche man sich ja scheinbar und anonym einig zu sein scheint, umzusetzen, dann wird die Hemmschwelle für eine solche Tat um ein Mehrfaches höher geschraubt. Sie erscheint dann als Amoklauf, wovon man in diesem Falle aber keineswegs sprechen kann.  Das war eine minutiös geplante Tat mit dem Ziel, der Community zu zeigen, was man drauf hat und zum Star zu avancieren.

Teil c: Die Aussicht, Unterstützer zu haben, Leitfigur zu werden, weitere Sympathisanten zu rekrutieren etc. ist nirgendwo Erfolg versprechender als im Internet, zumal man da auch noch sein „Vermächtnis“ mit wenig Aufwand raufladen kann.

So gesehen bildet die virtuelle Welt in diesem Falle gewissermassen das Fundament, auf welchem die Tat geplant und letztlich unter einem gewissen Zugzwang (oder Erfolgsdruck?)  ausgeführt wird. Mit der Tat ist nur ein Teilziel erreicht. Nun geht es wieder im Netz weiter.

Ob uns das passt oder nicht, es ist so.

Also müssen kritische Fragen zum www erlaubt sein.

  • Es kann nicht sein, dass es in Europa einerseits Antirassismus-Artikel gibt, der Fritzli Müller jedoch unter dem Pseudonym Eidgenosse Sätze wie „Nigger stinken und denen gehört die Fresse poliert“ dank national unterschiedlicher Internetgesetze  ungestraft ins Netz setzen kann und da bleiben sie auch.
  • Es kann nicht sein, dass, was in Printform gesetzlich geahndet wird, im Netz stehen bleiben kann. Vor allem dieser Punkt müsste ausführlicher analysiert werden. Mehrfach konnte man in den letzten Jahren feststellen, dass Provokationen à la Geert Wilders oder Sarrazin ganz hart an diesen Rassismusgesetzen vorbeischrammten, das, was dann aber im Internet parallel dazu abging, diesen gesetzlichen Rahmen total sprengt. Print für die Provokation, das Netz für das Grobe.
  • Es ist zu hinterfragen, weshalb es so lange braucht, bis rechts- und linksextreme Netzwerke religiös-extremistische Gruppierungen überhaupt als solche erkannt werden, die Seiten aber weiterhin bestehen bleiben. Dass diese schon längst nicht mehr nationale, sondern internationale Allianzen gegründet haben, scheint Vielen erst in den letzten Tagen bewusst zu werden.
Je nach Interessenlage gibt es jedoch bereits Grenzen
Ein gutes Beispiel ist wikileaks. Man kann durchaus sagen, dass die Aufdeckung der US-Protokolle zum Irak-Krieg und den Guantanamo-Vorkommnissen von öffentlichem  Interesse waren. Letztendlich wurde hier durch die USA geltendes internationales Recht gebrochen und die Protokolle belegten dies. Natürlich versuchten die Betroffenen  mit allen Mitteln , wikileaks aus dem Netz zu kriegen. Es zeigte sich, dass dies gar nicht so einfach war. Inzwischen ist es eher ruhig geworden um diese Plattform und Mit-Gründer Assange verhandelt derzeit in London über seine Auslieferung nach Schweden.
Stattdessen ist jetzt Anonymous aktiv. Eigentlich eine selbst ernannte originelle Spassgruppe, welche aber im Bereiche Gesellschaft und Konzerne eine immer militantere Rolle einzunehmen beginnt. Neueste Aktion: Boykottaufruf gegen Pay-Pal und laut Anonymous Beschaffung grosser Mengen von Nato-Dokumenten. Klar, dass nun auch da Verhaftungen einsetzen. „Das „System“ wehrt sich. Dieselbe Gruppe ruft jedoch auch auf, das Pamphlet  des Oslo-Attentäters runterzuladen, zu verfremden und zu verulken, unkenntlich zu machen. Je nach Grad der Betroffenheit, kann man also reagieren.
Diese Beispiele zeigen, dass bereits heute im Internet einschränkend oder störend eingegriffen wird Es geht lediglich um den Grad der Betroffenheit. Fühlen sich  Staat oder wichtige Organisationen direkt angegriffen oder gefährdet, lässt die Antwort nicht lange auf sich warten.
Daraus lässt sich leider auch ableiten, dass all das Gesabbere der letzten 10 Jahre in einschlägigen Foren zu den Themen Ausländer, Religion, Islam etc. als nicht gravierend betrachtet wurde. Auch nicht das Aufkommen eines ganz strammen Nationalismus, um es noch gelinde auszudrücken. Es war offenbar die Mühe nicht wert, zu diesem Thema international Übereinkünfte zu erzielen, welche Schlupflöcher, wie sie heute noch in Sachen Hosting und Domain-Tarnung bestehen, endgültig dicht machen.
Oslo ist wohl ein Wendepunkt. Vielleicht wird nun bewusst, dass sich viele Randgruppen und Ideologien schon längst aus der Öffentlichkeit verabschiedet, ihre Brötchen im www backen und online kassieren. Natürlich, es braucht dann noch die Einfältigen, welche das, was da virtuell gepredigt wird, ab und zu auch in der Realität ansatzweise ausführen, schliesslich ist man ja auch jemand. Ohne Helden lebt es sich schlecht.
Der Mann aus Oslo ist ein Einzelfall, was die Umsetzung betrifft, was die Gesinnung angeht, hat er sich in einer anonymen Gemeinschaft entwickelt, ein Mitläufer voller Komplexe.
Umfragen zeigen, dass Politiker eigentlich erst in den letzten Jahren bewusster  ins www. eingestiegen sind, sich teilweise via Sekretäre etc. in social networks betätigen. Ja, man merkt es…  Das www ist, trotz aller gegenteiligen Beteuerungen, ein ziemlich rechtsfreier Raum geblieben, es sei denn, die politische Autorität  selbst ist betroffen.
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