Schule: Das Leben und die Schule (1973)

Auslöser für diesen Beitrag ist ein sehr lesenswerter Artikel aus der Zeit ( Das will ich nicht wissen), in welchem auf eher akademische Weise die seit Jahrzehnten praktizierte Form der Wissensvermittlung an Schulen auf Nachhaltigkeit und Erfolg hinterfragt wird, wobei wirkliche wissenschaftliche Werte fehlen, was ich besonders erwähnenswert finde…

Ich möchte an dieser Stelle auf ein einschneidendes Erlebnis als Junglehrer verweisen und damit ein sehr praxisorientiertes Beispiel zum doch eher theoretischen Zeit-Beitrag abliefern.

Schuljahr 1972/73, meine erste Stelle als frisch ausgebildete Lehrkraft. Das Schulsystem, in welchem ich arbeitete war wie folgt gegliedert: 1.-6. Klasse Primarschule; dann entweder 1.-3. Klasse Sekundarschule oder 7.-8. Klasse Abschlussklasse (Hier wiederum bestand die Möglichkeit, nach der 7. Klasse erneut den Übertritt mittels Prüfung in die Sekundarschule zu versuchen).

Drei Wochen vor Schulbeginn erfuhr ich von einem Kollegen, dass von den drei parallel geführten Abschlussklassen (7. Klasse), die „Abfallklasse“ mir zugeteilt worden sei. Gemeint war, dass aus den fünf 6. Klassen zwei 7. Klassen als Vorbereitungsklassen für den nochmaligen Sekundarschulübertritt gebildet wurden und der dritte Klassenzug als „Hopfen und Malz verloren“ mit Leistungsnoten zwischen 2,5 und 3,5 auf der Skala 1 (katastrophal) bis 6 (ausgezeichnet) noch irgendwie die letzten zwei obligatorischen Schuljahre zu überstehen hatte. Aus jeder der fünf 6. Klassen die drei oder vier schlechtesten Schüler…

Es war eine Frechheit, eine solche Klasse einem Junglehrer zuzuteilen. Da jedoch grösster Lehrermangel bestand, sah ich darin auch eine Chance und pokerte sehr hoch um die Lehrkonditionen während der ersten 6 Monate: Keine Noten, nochmals Stoff ganz von unten aufarbeiten, offene Stundentafel, Schulprojekte ausserhalb des Schulzimmers, Klassenprojekte, welche auch Wochenenden umfassen können. Entweder ja, oder ich trete die Stelle nicht an.

Hinter dieser Forderung stand die gut gemeinte Bemerkung eines „erfahrenen Kollegen“: „Sei doch froh, bei denen kannst du nichts falsch machen, achte einfach auf die Disziplin.“ Wegen dieser Menschen verachtenden Äusserung und den daraus resultierenden Folgen für mich als optimistische Lehrkraft lehnte ich mich auf und versuchte das Beste aus einer Situation zu machen, welche inzwischen natürlich gleichermassen Herausforderung geworden war.  Aus einer unbewussten Art Notwehr heraus entstand so für mich und meine zukünftige Klasse ein für die damalige Zeit optimales und neuartiges Lehr-/ Lernumfeld.

Ausgangslage

Aus welchen Gründen auch immer hatte der Grossteil dieser Klasse laut Selbsteinschätzung im Laufe der 3./4. Klasse in einem Leistungsfach den Anschluss verloren, was sich in schlechten Noten ausdrückte und natürlich auf die allgemeine Lernmotivation drückte. So war es nur eine Frage der Zeit, bis auch im zweiten Leistungsfach ein Einbruch kam. (Erst später erkannte ich, dass dieser Knick systemtypisch ist)

Ab Ende 5. Klasse war dann diesen Schülern endgültig klar, dass sie wohl eher Versager bleibe würden, denn die Lehrkraft begann, „die Guten“ auf die Sekundarschulprüfungen vorzubereiten, während die Andern irgendwelche Rechen- oder Sprachübungen aus der 5. Klasse zu wiederholen hatten. Dass darunter auch das Lehrer-/Schülerverhältnis litt, muss kaum besonders erwähnt werden. Diese Schüler erwarteten von der Schule eigentlich nichts mehr, ausser Frust und Problemen. Ähnliches liess sich auch von den Eltern sagen.

Dazu kamen bei vielen Schülern familiär kulturelle Probleme, wie sie in einer aufstrebenden und schnell wachsenden Vorortsgemeinde mit etwa 15 000 Einwohnern gehäuft vorkommen.

Die Zeit damals war noch relativ arm an Anreizen. Filme schaute man im 16 mm Format in der Aula an und um jenen Projektor bedienen zu können, benötigte man einen speziellen Kurs. Im Weiteren gab es noch Schulfunksendungen, welche man dann auf einem monströsen Tonbandgerät abspielte und auswertete. Hellraumprojektoren gehörten noch nicht zum Standard eines Klassenzimmers, dafür jede Menge Karten, oft veraltet aber schön bunt…

Ich kann es ja !

Nach einer geschriebenen Selbsteinschätzung und einem (unbenoteten) Stofftest 1.-6. Klasse wurde für jedes Kind ein individueller „Löcherplan“ erstellt und der Unterricht und die Aufgaben setzten dort ein, wo so gut wie keine Löcher bestanden, bei vielen im Stoff der 2./3. Klasse… Ab diesem Stand wurde nun ein individueller Lernplan eingeführt. Jede Woche Kontrolltest und gleichzeitig Repetitionstest des schon Gelernten. Die Bewertung bestand aus einem Punktesystem. Quervergleiche zu andern Schülern waren nicht möglich.  Der Trick dabei: Während der ersten drei oder vier Wochen waren praktisch nur Verbesserungen möglich. Zu Hause unterschreiben lassen! Endlich wieder mal ein Erfolgserlebnis!

Freizeit

„Was macht ihr eigentlich Mittwochnachmittag/Samstagnachmittag?“ Grosse Augen bei der Mehrheit. „Falls jemand Lust hat, ich möchte mit dem Fahrrad die Thur (ein Fluss) entdecken und baden gehen. Ich starte beim Schulhaus um 13:30 Uhr.“ Tuscheln, Skepsis. Beim ersten Male waren wir 4 oder 5, beim nächsten Male über 10 und dann hat sich das eingebürgert. Aha, mit der Lehrkraft kann man nicht nur über Schule sprechen.

Projekte

Wir wollen was gemeinsam auf die Beine stellen und zu guter Letzt auch davon profitieren und zwar in Form eines Klassenlagers. Auslöser war das Fach Werken und sogenannte Fadenbretter (geometrische Muster auf Bretter genagelt und dann mit farbigen Fäden verbunden, ergibt herrliche dreidimensionale Muster) , wo etliche Schüler eine Perfektion an den Tag legten, dass Kollegen und Eltern nur noch staunten. Ziel: Wir verkaufen Fadenbretter an der Olma (Ostschweizer Landwirtschaftsmaschinenmesse) und erhalten so einen Grundstock für ein aussergewöhnliches Klassenlager. Bedingung: 2/3 der Arbeitszeit ist ausserhalb der Schulzeit, wir können aber Werkraum in der Schulanlage benützen. Ausserdem wird frühzeitig der Arbeitsplan während der Olma (in der Ferienzeit)  erstellt und mit den Eltern abgesprochen. Wer in diesem Projekt mitmachen will, unterschreibt, Betriebskredit für die Anschaffung der Rohmaterialen kommt von mir. Buchhalter, Koordinator, Werbung, Bewilligung einholen, Organisation der Produktion wird  Mitgliedern der Klasse übertragen. )  Das Projekt lief super, mal abgesehen davon, dass nach vier Tagen Olma die Bretter ausgingen und Sonderschichten für die Produktion von Nachschub eingelegt wurden. Dies zum Leidwesen des Schulhausabwartes, welcher ja während der Ferien die Räume auf Hochglanz bringen wollte. Aber auch er machte mit.  Später noch Bau eines Londoner Doppelstockbusses auf dem Chassis eines alten VW-Busses für den grossen Karnevalsumzug, wo die besten Sujets prämiert wurden – und wir auch den zweiten Preis kriegten. Wieder war Freizeitarbeit angesagt.

Ja und wo wurde gelernt?

Täglich, mit Wochenplänen und immer deklariert: Für diese Lerneinheit setze ich 5 Lektionen (grosszügig geschätzt), vielleicht bist du schneller durch, dann arbeitest du in Projekt A oder B weiter. Freitags ist Lernkontrolle und Repetition, vergiss das nicht. Auf Grund des Ergebnisses geht es weiter  oder wir müssen zurückbuchstabieren, denn wir wollen keine Löcher mehr. Neuen Stoff einüben kann man auch in Projekten, Sprache lässt sich auch mittels einer kleinen Zeitung pflegen, da hat wenigstens die Nachwelt was davon usw.

Lernerfolg? Ja, aber wie erkläre ich, dass aus einer 3 eine 5,5 wird?

Ich meine, wir hatten ein gutes Klassenklima, auch wenn zwischendurch mal die Fetzen flogen. Mein zugeteilter Inspektor ( Sekundarlehrer im Ruhestand) hatte seine anfänglichen Bedenken („ich finde, es ist etwas unruhig hier“) abgelegt, da er daneben erkannte, dass 2/3 der Klasse auf einem sehr guten Niveau arbeitete.

„So Leute, heute gibt es einen Testmorgen. Ich verteile den Sekundarschultest 1969, Mathematik. Morgen folgt dann Sprache. “ „Sind Sie verrückt geworden?“ „Nee. Dass ihr ihn nicht schafft, ist anzunehmen, aber um wieviel ihr ihn verfehlt, interessiert mich schon. Aber mal ehrlich, einige könnten den Test auch schaffen….“ Kleine gemeine Provokation…:-))) Fazit: 11 von 18 Schülern schafften den Test laut Bewertungsskala mit einem Durchschnitt von über 4,5. Über deren Selbstwertgefühl muss ich wohl keine weiteren Worte mehr verlieren.

Gespräch mit dem Inspektor: Ich brauche prüfungsfreien Übertritt für die Kandidaten, denn sie stehen auf Grund ihrer Vorgeschichte unter einem unheimlichen Druck. Wiederholung der Prüfung 1970 unter der gestrengen Aufsicht des Inspektors, gemeinsam korrigiert, 12 oder 13 Schüler bestanden. Einer zog weg, eine Schülerin wollte nicht in die Sekundarschule und so traten 11 „Abfallschüller“ nach einem Schuljahr in die Sekundarschule ein. Kein Unterschied zu den beiden Vorbereitungsklassen. Nach 8 Wochen Probezeit wurde eine Schülerin zurückgeschickt, nicht wegen der Leistung, sondern wegen disziplinarischer Probleme…

Was mich verunsichert hat

…es reicht also eine Veränderung des Lernumfeldes, um aus schlechten Schülern mehrheitlich gute Schüler zu machen. Hmmm, also gibt es eigentlich keine guten oder schlechten Schüler. Das ist eine durch das System erzeugte Klassifizerung.

Reaktion im Kollegenkreis: Zu gut benotet, du wirst schon sehen. Wir bereiten Lektionen vor, du gehst mit den Schülern spazieren. Schullager während der Schulferien, das geht doch nicht… usw. usw. Ich habe bemerkt, dass da natürlich der Wunsch nach Dienst laut Stundenplan etc. Vater des Gedankens ist und alles, was darüber hinausgeht als Mehrbelastung empfunden werden kann. Diese Mehrbelastung erleichterte jedoch meinen Unterrichtsalltag derart, dass der Zusatzaufwand mehr als wettgemacht wurde.

…wie wirkt diese Situation für die ehemaligen Primarlehrkräfte dieser Schüler, auf die Eltern der Schüler, welche mit 2-3, 3, 3-5 in den Leistungsfächern zu mir gekommen sind?  Natürlich Sprengstoff auf allen Ebenen.

Das Fazit für mich?

Das Leben ist die Schule und nicht umgekehrt. Diese Bedingungen waren es, welche den Lernerfolg mit sich brachten. Meine Rolle als Lehrkraft bestand allenfalls darin, ideale Bedingungen zu schaffen, einige Grundsätze der damals in Mode gekommenen Motivationstheorien  konsequent umzusetzen. Eine davon: Der Wir-Gedanke. Nicht ICH, sondern WIR kommen gemeinsam vorwärts. WIR können uns  gegenseitig helfen und davon kann  ICH gewaltig profitieren. Das ICH durfte ich verschiedentlich auch auf mich beziehen. Ich habe sehr oft von Ideen von Schülern profitiert.

Als Junglehrer war ich mir bewusst: Ich muss noch viel lernen, viele Fehler sind passiert, welche ich künftig vermeiden möchte, nicht alle haben gleich von diesem Umfeld profitieren können, auch ich hatte noch so genannt schlechte Schüler.

Aber und das war für mich letztlich ausschlaggebend: Das Lernumfeld hat für eine klare Mehrheit dieser „schlechten“ Schüler gepasst und zum Erfolg geführt. Das Lernumfeld und erst viel später die Lehrkraft. Damals konnte Schule das Leben mangels anderer Anreize attraktiv werden lassen, so denke ich heute.

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