Schule: Das Dorf und seine Schule 1991-97 (Einleitung)

Nach einem mehrjährigen Abstecher im Sozialwesen und in der Hotellerie kehrte ich im Frühjahr 1991 wieder mit vielen neuen Ideen in meinen Job zurück. Viel hatte ich erlebt inzwischen und Schule als Baustein des Lebens war wohl weiterhin wichtig, aber nur, wenn sie in den Alltag eingebettet war. Das hatten mich meine beruflichen Abstecher und Kontakte mit Hunderten von Menschen aller sozialen Schichten und Kulturen gelehrt. So wählte ich sehr bewusst eine auf den ersten Blick in den Augen von Lehrerkollegen nicht sonderlich attraktive Arbeitsstelle.

Die Rahmenbedingungen: Kleine Bauerngemeinde, bestehend aus 4 Weilern und dem Zentrum an wunderschöner idyllischer Lage. Im Zentrum: Die Kirche, drei Bauernhöfe, ein Restaurant und die Schule. Daneben Lehrer- Hauswartswohnung und der Kindergarten. Eine Lehrkraft unterrichtete 1.-3. Klasse und ich wurde vom Schulrat für die 4.-6 Klasse gewählt und angestellt. Weiter erwähnenswert: Viele SchülerInnen stammten von Bauernhöfen oder aus kleingewerblichen Betrieben. Das brachte  eine bestimmte Form von Pflichtbewusstsein mit sich, welche bereits anerzogen war. Dass Aufgaben gemacht werden mussten, war eigentlich unbestritten. Zugleich war die Schule für die Schüler sozialer Treffpunkt.  Eine halbe Stunde vor und nach dem Unterricht bevölkerten noch alle Kinder geschlechtergemischt den Fussballplatz , sei es als Fans oder als Mitspieler/innen. Noch was: Mein erster Kontakt mit Computern.

Unterrichtsorganisation:

Klarer Wochenplanunterricht mit Pflichtthemen, freien Themen, Projektgefässen. Pro Klasse gab es rund 6 geführte Wochenstunden (Mathe, Sprache, Französisch) und dazu kamen durchschnittlich 7 – 8 geführte Lektionen (Mensch und Umwelt, Sport, Musik und Werken-Gestalten) für alle Klassen. Lektionenpensum für die Lehrkraft 31-33 Wochenlektionen. In der eigentlichen Unterrichtszeit  war also die Lehrkraft voll im Druck, Wochenpläne erstellte ich am Samstag oder Sonntag. Korrekturen und Kleinarbeit ab 6:30 morgens. Lange Arbeitstage, aber schliesslich hatte ich auch reichlich Ferien. Die Schülerzahlen meiner Klasse schwankten zwischen 22 und 16 Schülern.

Das Dorf:

Darüber muss gesprochen werden, denn ich habe bereits im Titel das Dorf VOR die Schule gestellt. Etwa 350 Personen, davon sicher um die 100 Personen sehr aktiv und in mehreren Vereinen gleichzeitig engagiert, zwei so genannte Chilbis (zweitägäge Quartierfeste), organisiert vom Schützenverein   im oberen und unteren Dorfteil, Kirchenfest, Theater (eine Gründung meines Vorgängers). Zu jedem Anlass die Frage der Organisatoren (..und was macht die Schule? Kommt der Lehrer mit ins Organisationskomitee usw.) Der Erwartungsdruck an die Lehrkraft war also sehr hoch und als ich dann (angesichts des bereits vorhandenen personellen Potentials) erklärte, ich möchte mich weder in Festkomitees, noch als Kirchenorganist, noch als Mitglied der Feuerwehr und auch nicht als Protokollführer der Kirchgemeinde zur Verfügung stellen, war die Ernüchterung ziemlich gross. Gut, ich konnte relativieren. „Im ersten Jahre will ich ausschliesslich als Lehrkraft tätig sein, das bin ich der Behörde, den Schülern und mir schuldig, dann schauen wir weiter.“

Resourcen schöpfen:

Innerhalb weniger Wochen war sichtbar, dass in diesem Dorfe neben den klar strukturierten Bauernfamilien ein hochinterassenter Mix von fähigen, interessierten Menschen mit besonderen Qualitäten lebte, sich die Unterstufenlehrkraft ebenfalls sehr engagiert zeigte und auf dieser Basis schulnahe, nicht zum Kerngeschäft gehörende Akzente gesetzt werden konnten. Ein zentraler Bereich: Musische Erziehung. Wohl gab es in der nächsten grösseren Gemeinde eine Musikschule, welche von Einzelnen besucht wurde,  viele Kinder wirkten jedoch eher hölzern und feinmotorisch etwas unterentwickelt. In Kürze wurde an unserer Schule das, was wir heute frühmusikalische Ausbildung nennen, als Zusatzangebot zu sehr vorteilhaften Bedingungen eingeführt. Wenig später die Erweiterung um die Bereiche Instrumentalunterricht  Guitarre, Blockflöte, Querflöte, Klavier, Akkordeon.

Daneben bestand ein äusserst aktiver Militärschützenverein. Er organisierte die beiden Quartierfeste, wo mangels einer Mehrzweckhalle jeweils ein Festzelt her musste. Es war deshalb nachvollziehbar, dass diese Feste ein Wochenende umfassten, also mindestens zwei Tage. Sonst lohnte sich die Mühe des Aufstellens und der Einrichtung des Zeltes nicht.. Dieses wurde vermietet vom Vater zweier Schüler. Man konnte also auch für mögliche Nur-Schul-Anlässe auf diese Quelle zurück greifen.

Heeeh, was hat das mit Schule zu tun?

Ich habe jetzt nur Umfeld und Rahmenbedingungen beschrieben, weil ich finde, um das nachvollziehen zu können, was im nächsten Beitrag berichtet wird, muss man diesen Rahmen kennen. Er war existenziell wichtig für das, was man nach heutigen Definitionen wohl Event orientierten Unterricht mit musischem Schwerpunkt bezeichnen würde. Dazu kam noch ein weiteres Element: Da wir in einem kleinen Orte lebten, war es pädagogisch durchaus erstrebenswert, auch mal was Fremdes, Ungewohntes, kennenzulernen, über die eigene Scholle zu blicken. Auch dieser Aspekt wollte eingebaut sein.

An diesem kleinen Ort mit diesen ganz speziellen Rahmenbedingungen war es möglich, während 6 Jahren eine Unterrichtsform zu praktizieren, in welcher sich die Rolle der Lehrkraft veränderte in Richtung Begleiter; Berater; Materialbeschaffer; Motivator; Vermittler; Kontrolleur,  wenn Gefahr bestand, dass Klassenziele aus den Augen verloren wurden; falls nötig auch mal Driller und Pauker.

Das Profil einer Schule ist und bleibt massgeblich geprägt von den Rahmenbedingungen, aus denen die Schüler kommen, von den örtlichen, kulturellen und sozialen Besonderheiten des Schulstandortes. Weiter kommt der Schulbehörde, welche diese Realität anerkennt und eine solche Schulform überhaupt akzeptiert, eine entscheidende Rolle zu. Das macht sie üblicherweise auch, sofern ein messbarer Schulerfolg da ist. Ganz klar, DAS ist das Kerngeschäft.

Deswegen „Das Dorf und die Schule“. Es sind das Dorf, das Umfeld, die Sozialstruktur, welche das Schulklima, letztlich auch das Schulprofil prägen. Je näher Dorf und Schule im Alltag zusammenrücken, je mehr Synergien geschaffen werden können, um so erfolgreicher wird Schule sein, denn der Identifikationsgrad mit dieser Art Schule ist sehr hoch.

Je stärker sich Lehrkräfte in diesem Kontext mit ihrem Job identifizieren können, um so stärker wird das Schulprofil, um so garantierter wird auch die Einbettung einer Klasse, einer Schule in ihrem Quartier, im Dorf.

An die Schulplaner:

Wie lange eigentlich noch wird Schule als eine unter der Käseglocke existierende Scheinwelt geplant und regelmässig neu erfunden? Wie lange noch wird unter dem Begriff so genannt teilautonomer Schulmodelle und Modullehrerausbıldung eine Struktur geschaffen, welche die Energie von Lehrkräften vom eigentlichen Unterricht absorbiert und in Bahnen lenkt, welche in erster Linie bürokratischen, verwaltungstechnischen Charakter hat und Pseudo-Autonomie suggeriert? Als Schulreform wird das bundesweit oder kantonsweit umgesetzt, unbesehen davon ob Stadt/Land, Elitequartier, sozialer Brennpunkt. Nein: Die Prozedur, welche Schule A durchläuft, werden auch die Schulen B und C abzuwickeln haben…. Das Produkt ist in den Augen der Planer eine ISO-Zertfizierung, sprich, ein Qualitätssiegel, welches in der produzierenden Industrie seine Bedeutung haben mag, beim Thema Schule diese jedoch zu einem gesellschaftlichen  Neutrum verkommen lässt, da mag sie adminstrativ noch so gestylt sein. Zumindest besteht diese Gefahr. Zu kurz kommt nämlich der Einbezug der Lebensrealität des Zielpublikums. Der Schüler, der Eltern.

Dies geschieht in der irrigen Annahme, Eltern und das Umfeld hätten Lust und Zeit, diese Reformen im 5-Jahresplan mit Freude und Interesse zu verfolgen und mitzutragen, sich in die Bürokratie der modernen Schule einzugliedern. Ein weiterer Irrtum, denn: Das Umfeld passt sich NICHT der Schule an. Das Gegenteil ist der Fall, wie Praxis zeigt. Dann sprechen Planer von „Problemschulen“ oder „Vorzeigeschulen“

Niemand stellt ein 10-stöckiges Wohnhaus in ein Sumpfgebiet. Zehn Stockwerke sind nicht das Mass der Dinge, sondern der Bodengrund und die Umgebung, in welche es zu stehen kommen soll, liefern die relevanten Daten.  Da sind dann vielleicht zwei Stockwerke die bessere und nachhaltigere Lösung.

Deswegen:

Das Dorf und „seine“ Schule

Das Quartier und „seine Schule“

„Die Stadt und ihre Schulen“ gibt es meiner Meinung nach nicht, genau so wenig wie „die Schule“ schlechthin.

So, das war ein langer Vorspann, aber das musste sein.

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