Schule 91-97: Altersdurchmischtes Lernen

Damit bei meinen Beiträgen zum Thema Schule nicht der Eindruck entsteht, wir hätten alles andere, aber nie normalen Unterricht gemacht, schiebe ich hier das Kapitel altersdurchmischtes Lernen ein. Es geht dabei um den Mehrklassenunterricht (4.-6. Klasse) in einem Schulzimmer. Ganz klar eine besondere Situation, welche besondere Lehrmethoden erfordert, die Lehrkraft auch sehr beansprucht. Mein persönlicher Eindruck: Die effizienteste Schulform, in welcher sich Schülerinnen und Schüler alterstypisch und teilweise individuell entwickeln und lernen können.

Das Dreijahressegment als Chance

Während in Normalklassen ein theoretisch angenommener alterstypischer Lehrplan vermittelt wird, findet sich im Mehrklassenzimmer immer das Dreijahressegment. Wer nun beispielsweise die geschlechterspezifisch unterschiedliche Entwicklung in der Altersgruppe 10-13 betrachtet und schon mit Mädchen und Knaben zusammen im Einklassensystem gearbeitet hat, weiss, dass in dieser Altersspanne die Unterschiede zwischen bereits pubertierenden Mädchen und Knaben, welche noch Kinder sind, kaum grösser sein könnten. Oft erkennt man dies alleine schon körperlich: Mädchen, welche ein bis zwei Köpfe grösser sind als ihre männlichen Schulkollegen. Wenn ich nun eine späte 5. Klasse anschaue, kommt dazu, dass die Interessen der Mädchen teilweise völlig anders gelagert sind, als das, was die Knaben spannend finden. In diesem Spannungsfeld soll nun also der theoretisch ermittelte alterstypische Schulstoff vermittelt werden..

Lehrplan, Lehrmittel

Im Kanton Zürich sind die Kernkompetenzen, welche Kinder erwerben sollen, wie folgt umschrieben. Beispiel Deutsch, (nicht zu vergessen: Für Schweizer die erste Fremdsprache):

Die deutsche Standardsprache wird in der gesamten Schulzeit verstärkt gefördert, indem sie schriftlich, aber auch als gesprochene Sprache konsequent ab dem ersten Schuljahr als Unterrichtssprache verwendet wird.

„Drei grosse Teilbereiche der Deutschförderung sind die Förderung der Literalität aller Schülerinnen und Schüler, die Förderung und Pflege der deutschen Standardsprache in der gesamten Schulzeit und auch Deutsch als Zweitsprache (DaZ), wo Schülerinnen und Schüler bei Bedarf zusätzliche Förderung erhalten.“

Dazu gibt es eine Lehrmittelliste mit obligatorischen (O), provisorisch obligatorischen (PO) und Zusatzlehrmitteln(Z).

Inzwischen läuft in der Deutsch sprachigen Schweiz ein neues Projekt, wonach Lehrpläne und -ziele überkantonal angeglichen, vereinheitlicht werden sollen. Ein riesiges Projekt, in welchem paritätisch Lehrkräfte und Didaktiker tätig sind. Projekt Lehrplan 21. Ich verweise hier im Besonderen auf den im Rohbau vorliegenden Lehrplan mit vielen neuen, tollen Begriffen und Kleingedruckt das Fach, wie es sich früher nannte… Seit ich im Jahre 1973 diplomiert wurde, dürfte es sich um in etwa die 6. Reform handeln, in welcher die Schule „von Grund auf“ erneuert wird. Einher gehen dann Fortbildungskurse für die Lehrkräfte, Einführung neuer Lehrmittel und vor allem: Wieder einmal eine neue Terminologie. Was mal Vergangenheit und Vorvergangenheit war wurde zwischendurch Perfekt und Plusquamperfekt, dann Vergangenheit1 und Vergangenheit 2  usw. usw. Aber eigentlich hat sich, abgesehen davon nichts geändert.

Das Dreijahressegment eröffnet hier nun völlig neue Perspektiven. Vorstellbar ist, gewisse Themen geschlechterspezifisch anzugehen, Frühreife oder Spätzünder kurzfristig und in einzelnen Themen einer über- oder untergeordneten Klasse zuzuteilen, gute Schüler mal bei der oberen Klasse mitarbeiten zu lassen, eher schwächere Schüler als Trainer für eine untere Klasse einzusetzen, natürlich zu einem Thema, welches sie beherrschen. Das alles verschafft individuelle Erfolgserlebnisse innerhalb der Schulklasse. Für das, was ich jetzt anführe, gilt eine Einschränkung: An dieser Dorfschule betrug der Anteil von Kindern mit fremder Muttersprache höchstens 15 %. Dies ist heute im Normalfall völlig anders und trotzdem meine ich, die nun gezeigten Beispiele hätten auch heute ihre Gültigkeit, sofern die Problematik Fremdsprachigkeit im Lehrplan anders gewichtet würde. Dazu wird ein eigenes Kapitel folgen.

Straffung in den Fächern Deutsch und Mathematik. Schulbeispiel:

Die vierte Klasse rechnet in einer Übungsstunde Grundoperationen im Zahlenbereich bis 1000. Daneben findet eine Einführungslektion für die 6. Klasse zum Thema Multiplikation grosser Zahlen statt. Zahlenbereich bis 1 Mio. Am Ende der Lektion kommen die 4. Klässler und beschweren sich. „Siieee! Weshalb dürfen wir nicht mit diesen grossen Zahlen rechnen, das ist doch überhaupt kein Problem.“ Meine bewusst provozierende Antwort:“Weil ihr noch zu klein seid und das noch nicht könnt.“ „Siieee!!!! Sie beleidigen uns, natürlich können wir das.“ „Ok, ich gebe euch vier Tage Zeit, arrangiert euch in der nächsten Stunde mit Helmut aus der 6. Klasse  (ein eher schwacher Rechner, aber die Zahlenreihen und die Wertetafel beherrschte er) . Er soll euch die Zahlenreihen bis eine Million aufschreiben, sein Lernblatt zeigen und wenn ihr das könnt, gebe ich euch Übungsblätter mit grösseren Zahlen, dann werden wir ja sehen..“ Natürlich klemmen sich die Kleinen und lernen die Reihen vorwärts und rückwärts. Muss ich noch weiter berichten?

Wer die schriftlichen Operationen im Hunderterbereich beherrscht, wird auch im Hunderttausenderbereich erfolgreich sein.. Bleibt noch das Thema Vorstellungsvermögen, aber da mache ich mir bei den Millionen selbst bei Erwachsenen keine Illusionen. Natürlich rechnen nun die 4. Klässler noch nicht mit dem 6. Klassbuch, aber 4x 98 345=  können sie lesen und lösen, ebenso 246 345 :5= und das macht sie unheimlich stolz. Darum geht es.

Im Fache Deutsch mit drei aufeinander abgestimmten Jahrgangslehrmitteln dreimal die grammatikalischen Grundbegriffe einzuüben ist nicht nur für die Schüler langweilig. Hier wurden die Klassen klar unterfordert. Was aber fehlte, waren taugliche Übungsblätter, mit denen man Sicherheit gewinnen konnte. Fazit: Deutsch Grammatik wurde in der 4. Klasse komplett eingeführt und dann in Projekten praktisch angewandt, mit allen drei Klassen regelmässig repetiert. Das hat sich bewährt.

Geographie:

Pflichtthema die Schweiz. Kantone und ihre Hauptstädte, Sprachregionen, Flüsse und Seen, zugleich aus der Geschichte Beitritt der Kantone zur Eidgenossenschaft. Neben vielen interessanten Berichten und Videos geht es aber letztlich doch darum, dass man büffeln muss, auswendig lernen muss. Test: Auf stummer Karte Kantone, Kantonshauptstädte, Flüsse, Seen richtig eintragen. Das ist ein Bestandteil der Prüfung. Resultat: Punkterangliste bunt gemischt durch alle drei Klassen. Es ist kaum ein Unterschied auszumachen und: Es gibt lediglich zwei ungenügende Arbeiten und die stammen aus der 5. Klasse.

Mein Fazit: Altersdurchmischte Klassen ermöglichen es, Lehrstoff äusserst effizient zu vermitteln. Ausserdem wird die Sozialkompetenz der Klasse gestärkt und es kann durchaus vorkommen, dass „die Kleinen“ in bestimmten Themen „die Grösseren“  leistungsmässig vor sich her treiben.

Der Erfolg war auch messbar: Eine Übertrittsquote in die Sekundarstufe 1 von über 70% im 6-Jahresschnitt  war ein  Spitzenwert.

Dieser tolle Leistungsausweis war im Wesentlichen begründet und umrahmt durch eine Vielzahl von Dorf nahen oder die Kinder interessierenden Projekten, von denen ich im nächsten Beitrag einige Beispiele erläutern werde.

Oft brauchte es Mut und vor allem auch Vertrauen, ungewöhnliche Ideen oder Arbeitsformen zuzulassen, um dann mit Erstaunen festzustellen: „Wau! Die haben das tatsächlich hingekriegt. Das hätte ich ihnen nicht zugetraut.“ Als Belohnung für eine solche Superleistung führten wir einmal eine „Sie“-Woche durch. (Schüler wurden in der Höflichkeitsform angesprochen..)

Rückwirkend betrachtet: Keine andere mir bekannte Schulform hat es zugelassen, in einem derartigen Masse produktiv zu sein, Schule als Erlebnisraum zu verstehen, das Leben ins Schulzimmer hineinzuholen und mitzugestalten.  Das war wohl anstrengend für mich als Lehrkraft, doch wurde das mehr als aufgewogen durch eine manchmal unheimliche Dynamik in der Klasse und einen unvergleichlichen Output.

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3 Kommentare zu “Schule 91-97: Altersdurchmischtes Lernen

  1. Lieber Walter,

    auch Dein aktueller pädagogischer Bericht gibt mehr Antworten als er Fragen aufwirft. Das spricht für Dich, Deine Einstellung (Autorität statt autoritär), Dein Führungsverhalten (Motivation statt Indoktrination) und die beschriebenen Lehr- und Lernerfolge.

    Das landespolitische Gezerre in Deutschland, ob zwei- oder dreistufige Schulsysteme, lasse ich hier bewusst außen vor. Ich habe in den 1950er Jahren das Glück gehabt, der damals noch autoritären „Erziehung“ in Schule und Elternhaus durch einen glücklichen Zufall zumindest innerlich zu entrinnen: Das einzige Gymnasium in Hamburg- Winterhude, das nach 30 Minuten zu Fuss bei Wind und Wetter erreichbar war, war die Heinrich-Hertz-Schule („Wissenschaftliche Oberschule für Jungen“ auf der anderen Seite des Stadtparks. So sparte mein Vater das Fahrgeld für mich und zwei Jahre später für meinen Bruder.

    Dort lernte ich erstmals die Gruppenarbeit unter Moderation der Lehrkräfte kennen.
    Außer Latein (von meinem Vater als überflüssig betrachtet) lernte ich in dieser Zeit Hitlers „Mein Kampf“ und das „Kapital“ von Carl Marx kennen. Außerdem jüdische Mitschüler, deren Eltern aus Israel in ihre Heimatstadt zurückkehrten. Das war kein Thema für zu Hause. Ich lernte in jener Zeit Toleranz, aber auch Durchsetzungsvermögen kraft besserer Argumente.

    Lehrer wurde ich trotzdem nicht, obwohl ich eine Zeitlang mit dem Gedanken gespielt habe. Ein Grund: Sowohl unser Mathematiklehrer, der Physiklehrer und der Geografielehrer räumten wegen psychosomatischer Beschwerden das Feld. Sie fühlten sich den „Zauberlehrlingen“ jener Zeit nicht gewachsen.

    Sowohl später als Wehrpflichtiger mit Führungsaufgaben (Abschluss Fähnrichd.R.), als auch in meinem späteren Berufsleben als Chef habe ich Deine Grundsätze des „Miteinander“ erfolgreich in die Tat umgesetzt.

    So, und nun zu der eingangs angesprochenen Frage: Glaubst Du oder hast Du verlässliche empirische Daten darüber, dass einen Verhaltensunterschied in Dorfschulen im Vergleich zu Großstadtschulen gibt?

    Ich danke Dir für Deine bisherigen Beiträge zum Thema „Schule“.

    Eberhard

    • Hallo Eberhard
      Danke für deinen Beitrag. Meines Wissens gibt es solche Untersuchungen nur als Einzelfallstudien. Es wäre wohl auch zu schwierig, klare Eckkriterien zu formulieren. Wo und wann beginnt Dorfschule, wo Quartierschule? Oder: Meine beschriebene Dorfschule ist in einem bäuerlich geprägten Umfeld zu verstehen. Daneben gibt es Dörfer mit Schulen, in denen eher wirtschaftlich erfolgreiche, junge Familien die Mehrheit bilden, weswegen sich eine völlig andere Soziostruktur ergibt.
      Ich persönlich habe erlebt und dies bestätigten auch Kollegen/Kolleginnen an ähnlich gelagerten Schulen, dass das Pflichtbewusstsein der Schüler im Vergleich zu Stadtschulen höher war. Das mag durch den Alltag zu Hause geprägt gewesen sein. Allerdings sollte man auch für die Gegenfrage offen sein: Ist es vorstellbar, dass die Schule als Institution im dörflichen Leben einen höheren Stellenwert hatte? Schliesslich ging hier schon der Vater, manchmal gar der Grossvater zum Unterricht. Unweigerlich rutscht da die Schule stärker in die Familie rein. Wie steht es diesbezüglich mit der Quartierschule in städtischen Verhältnissen? Vielleicht noch was: Das Profil kleiner Dorfschulen wird durch einige wenige Lehrer massgeblich mitgeprägt.. In städtischen Schulen besteht das Risiko, dass die dort tätigen 40 Lehrkräfte als „Lehrkörper“ wahrgenommen werden. Sie erscheinen zur Arbeit, wohnen aber auswärts und haben wenig Realbezüge zum Quartier ihrer Schülerinnen und Schüler. Diesem Thema werde ich mich in einem späteren Beitrag widmen. Zuerst kommt noch der letzte Beitrag zur Dorfschule und dann der Bericht über meine letzte Tätigkeit in einer Stadtschule in Zürich. Da wird deine Frage nicht wissenschaftlich, aber aus der Praxis beantwortet.

  2. Trotz vorgerückter Stunde, lieber Walter: Du hast meine Frage überzeugend beantwortet. Auf dem Lande, zumal im bäuerlichen Bereich, herrschen wohl andere Regeln im Verhältnis Schule zur Familie und umgekehrt. Einen Begriff hatte ich in meinem vorherigen Kommentar zu erwähnen vergessen: „Kooperativer Führungsstil“.
    Für heute: Liebe Grüße in die Türkei aus Wiesbaden:
    Eberhard

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