Schule: Das Dorf und seine Schule 91-97 (3)

Menschen bauen zu Orten, in denen sie bewusst ein Zeichen hinterlassen haben, eine besondere Beziehung auf. Es ist sehr interessant, diesen Aspekt auch ins Thema Schule zu integrieren. „Wir“ haben das gemacht und  „ich“ war dabei. Ich bin überzeugt, dass dies sowohl für Kinder wie  für Erwachsene zutrifft.

So möchte ich im Moment weniger von Unterricht (gewissermassen dem Alltag), als vielmehr von Zeichen sprechen, welche in diesen spannenden 6 Jahren im Rahmen von Projekten gesetzt wurden. Sie haben dazu geführt, dass die Kinder dieser speziellen Dorfschule einen ganz besonderen Zusammenhalt entwickelten, getragen und respektiert von der Dorfgemeinschaft, auch mal gehänselt, wenn was schief lief, aber da die positiven Rückmeldungen viel häufiger waren, konnten die Kinder auch damit leben. Auch Tiefschläge wollen überwunden sein.

Einfädeln ins Dorfleben

Jährlich Aperokonzerte an den beiden Quartierfesten. Sonntagmorgen 11-12 Uhr

Weihnachtskonzert in der Kirche

Gesangliche oder instrumentale Beiträge an Kirchenfesten.

Familien-Fussballturnier: Initiiert von einer Familie und fester Bestandteil des Schuljahres.

Dauerprojekt: Schülerzeitung, welche alle drei Monate erscheint, eingebettet als Gesamtprojekt  in den Fächern Deutsch, Geometrie(Gestaltung Inseratenflächen) Mathematik (Rechnungen für Inserenten,Buchhaltung)

Skilager: Was zuvor im Januar geographisch vor der Haustüre (30 Kilometer) stattfand und entweder durch  Schneemangel oder eisigste Kälte jeweils ein heikles Unterfangen war, wurde in den März und an den Julierpass verlegt. Schnee garantiert, milde Temperaturen und Teilnehmer waren 2.-6. Klasse. Kinder, welche noch nie auf den Skiern gestanden hatten, lernten so früh und innerhalb einer Woche Skilaufen, inklusive Abschlussrennen und Prämierung. Die Leiter stammten alle aus dem Dorf, gefahren wurde in Kleingruppen. Ein Highlight im Schuljahr. Abfahrt Sonntag um 12 Uhr nach dem Gottesdienst , Rückkehr Samstag 14 Uhr. 5 Tage Skifahren pur und kein Schülerunfall in 6 Jahren. Jeweils eine Geistergeschichte mit Knalleffekten, Duftmarken und anderem Unappetitlichem. Diverse Kleine blieben anschliessend gleich bei den Grossen im Bett liegen… aber ein Jahr später  riefen sie am Lautesten, „Wann kommt die Geistergeschichte??“ Gemeinsam lässt es sich auch weit weg von zu Hause leben und anschliessend hat man was zu erzählen.

Wettbewerbsteilnahme:

Appenzeller-Käse schrieb einen Wettbewerb aus. „Wie wird Käse hergestellt?“ als 3-D-Modell. Superthema für die Kinder mit bäuerlichem Hintergrund, aber auch die „branchenfremden“ Schülerinnen und Schüler. Das Produkt war ein 3 x 2 Meter grosser Landschaftsausschnitt, angefertigt im Appenzeller-Heimatstil und den Weg der Milch von der Kuh auf der Alm bis zur Käserei und von dort ins Verkaufsregal in Sequenzen darstellte. Figuren aussägen, modellieren, bemalen. Der Grossteil dieser Umsetzung fand während der Schulstunden, der Rest in der Freizeit statt. Erster oder zweiter Preis für unsere Kleinschule, Einladung zur Preisverleihung und Gewinn einer Schulreise nach Wahl für die ganze Klasse. Fazit für die Schüler: Einsatz kann sich durchaus lohnen und Stolz, auch bei den Eltern.

Musisch/Theater:

Wöchentlich eine bis zwei gemeinsame Musik-Singlektionen mit der Unterstufe, vor Konzerten häufiger. Eigener Schulsong (1.-6.Klasse) mit Strophen für jede Klasse, inhaltlich jeweils von der Klasse bestimmt und von den Lehrern zusammengereimt. „Jammersong“, Instrumentalstück (1.-6. Klasse), in welchem alle von Schülern gespielten Instrumente nach und nach zum Einsatz kamen und welches an Weihnachten und beim Geld sammeln für einen guten Zweck zum Einsatz kam. Einbau der Instrumentalisten als Solisten in die Konzertprogramme.

Klassenlager 4.-6. Klasse Ein Beispiel:

Eine kopierte Reportage aus in einer grossen Tageszeitung war  der Auslöser und zugleich mein Klassen-Input an einem Januarmorgen im Jahre 1992. Vor Unterrichtsbeginn legte ich sie auf den Tisch. Das Thema: Eine kleine Bergschule im Urnerland kämpfte wegen schlechter Erreichbarkeit des Ortes gegen weiteren Einwohnerschwund und Schliessung der Schule. Das Problem: Eine fehlende Sicherheitsgalerie für die Strasse und keine Lawinenverbauungen über dem Dorf. Die Leute waren jeden Winter gezwungen, mehrere Tage in Schutzunterkünften zu verbringen und hatten keine sichere Verkehrsverbindung zur Umwelt.

Die Klasse fand, eigentlich sei der Ort mit dem Unsrigen vergleichbar, die Probleme dort seien gravierend und sie könnten sich nicht vorstellen, dass eine Schliessung unserer Schule jemals in Betracht gezogen würde (was für 2014 übrigens geplant ist). Das darauf folgende Klassengespräch, diverse Diskussionen zwischen den Schülern und etwa zwei weitere Lektionen brachten von Schülerseite her soviel Ideen, dass ohne grosses Dazutun meinerseits ein Grob-Konzept für ein geniales Klassenlager stand (unter der Voraussetzung, dass es sich um Gymnasiasten, also 16-20-Jährige) handelte. Aber mit 9-13 Jahre alten Primarschülern? Man ist geneigt, angesichts des folgenden Programmes von Überforderung zu sprechen:

Klasse nimmt Kontakt mit der betroffenen Schule auf, (Begleitbrief von mir an Lehrkraft), Könnte man euer Problem nicht in Form eines Theaters, Musicals gemeinsam als Klassenprojekt präsentieren? Können wir eine Woche zu euch raufkommen und wir proben das zuvor erarbeitete Stück gemeinsam ein? Im Gegenzug kommt ihr anschliessend eine Woche zu uns. Wir führen das Theater dann nochmals auf und zeigen euch unseren Ort. Brauchen wir nicht Zeitungen und Fernsehen, um auf euer Anliegen aufmerksam zu machen? Schliesslich muss die Öffentlichkeit erfahren, worum es in diesem Dorfe geht. Die müssen doch berichten. Kommen die, wenn wir sie einladen? usw.

In einer Blödelstunde phantasierten wir einen möglichen Theaterinhalt zusammen (Eine Klasse aus dem Unterland ist auf Schulreise und wird wegen eines Schlechtwettereinbruches und Schneesturms getrennt. Der Grossteil der Klasse – ohne Lehrkraft, welche noch zwei Versprengte sucht- muss  gemeinsam mit den Kindern der Bergschule in den Lawinenschutzraum. Was als lustiges Abenteuer beginnt, wird angesichts donnernder Lawinen vor allem bei den Unterländern von lähmende Angst und Heimweh abgelöst. Die Oberländer erklären ihren Altersgenossen, was passieren müsste, um das Leben sicherer zu gestalten. Nach dem zweitägigen Aufenthalt im Schutzraum taucht auch der Lehrer wieder auf (immerhin, sie haben mich nicht in der Lawine umkommen lassen….), die Gefahr ist vorbei, die Unterländer ziehen weiter, nicht ohne sich zu bedanken, Hilfe anzubieten, das Versprechen Medien raufzuholen usw. usw. Die Oberländer amüsieren sich, wie tief der Schreck den neuen Bekannten in die Glieder gefahren ist und hoffen aber, sich wieder zu sehen, denn das eine oder andere Mädchen, der eine oder andere Junge, sie waren doch ganz nett…)

An Ostern Koordinationssitzung mit der Lehrkraft im Bergtal, Textkorrekturen, Dialektkorrekturen, Musikkassetten mit den ersten Songs, welche einzuüben waren,  was wir am Osterdienstag gemeinsam machten.

Das eigentliche Lager fand ab Pfingstsamstag für eine Woche statt. Kennenlernen der Schüler und Familien, des Tals. Ab Dienstag harte Koordinationsproben. Auf Einladung der Schüler, welche auch als Kontakperson funktionierten (!):  Fernsehen war da, Radio war da, die Zeitungen berichteten und anschliessend die Aufführung im Gemeindesaal des nächstliegenden Ortes.  Dann hiess es packen und zwar auch für die Berggemeinde, deren 8 Kinder nun zu uns kamen. Besichtigungsprogramm, weitere Proben und Schlussaufführung in der Mehrzeckhalle unserer Nachbargemeinde, da waren dann in bestimmten Liedern und Szenen auch unsere 1.-3.-Klässler dabei, welche an solchen Anlässen ihre erste „grosse“ Bühnenerfahrung sammelten, auch das eine feste Tradition.

Ich versuche derzeit, mein antikes Tensai-VC-Gerät bei meinem türkischen Vertrauensfachmann  wieder soweit hinzukriegen, dass ich die letzten 15 Minuten dieses Programmes digital aufnehmen und zeigen kann. Absolute Höchstleistung der jungen Truppe. Unglaublich auch, was die SchülerInnen der Bergschule leisteten.  Überforderung? Nein. Spass pur, aber anstrengend.

Nebenbei, gekocht wurde während des Lagers von den Schülern selbst. Probekochen, Menuabsprachen Wochen zuvor. Schlussreinigung der Unterkunft durch die Klasse und  die Gründlichkeit, mit der dies gemacht wurde, überraschte die Behördenvertreter so sehr, dass sie uns dieselbe Unterkunft für den Sommer kostenlos anboten, falls wir noch Lust auf Ferien hätten. Das wiederum stiess bei Eltern und Schülern in unserem Dorf auf positives Echo und so befanden wir uns wenige Wochen später wieder am selben Ort. Diesmal privat, und lustig wars.. Im Anschluss daran fanden noch mehrere private Besuche von Familien untereinander statt.

5 Monate drückte dieses Projekt unserem Schulbetrieb den Stempel auf, auch der Schülerzeitung, welche natürlich weitergeführt sein wollte, schliesslich hatten wir Abonnenten… Ja, gerechnet, geschrieben, gewerkelt, haben wir auch und dies regelmässig.

5 Monate lang hörten die Schüler in den normalen Schulstunden aber auch: „Kommt, nutzt die Zeit, passt auf, übt gezielt.. Wir brauchen gute Kontrolltests, dann können wir nächste Woche drei oder vier Stunden zusätzlich für das Projekt einsetzen.“

..und Projekte gab es Viele: Grenzüberschreitendes Selbstkocherlager in geographischer und sprachlicher Hinsicht. Schliesslich wollte ja unser Französisch mal angewendet werden… Auch bezüglich Physis kamen wir dort nahe an unsere Grenzen. Zwei weitere selbst erarbeitete Theater mit jeweils vielfältigen Bezügen zum Ort, seiner Geschichte oder einer fremden Kultur. usw. usw. Ganz neue Perspektiven eröffnete dieser Denkanstoss: „Siieeee! Eigentlich braucht es doch gar keinen Lehrer. Wir könnten das auch selbst.“ Einige Wochen später: Projektwoche. Thema:Wir brauchen keinen Lehrer.Wir lernen selbst.

Jede Klasse bewältigt neben den PfJichtstunden (sie unterrichten sich selbst oder holen Verstärkung von der oberen Klasse) ein konkretes Thema. 4.Klasse: Kaninchen, 5. Klasse Benzinmotor, 6. Klasse Holz in allen Formen. Was da nach einer Woche präsentiert wurde, war für mich unglaublich, zumal auch die von mir zum Schlusse gemachten Test Ergebnisse brachte, welche weit über den Erwartungen lagen. Fazit der Woche: Es war sehr streng, toll und abwechslungsreich für alle. Gut war der Lehrer noch da, aber im grossen Ganzen könnten wir das auch.

Zur Stundentafel: Offen ab 07:30 bis 17 Uhr, wenn nötig mit Mittagessen in der Schule. Pflichtstundenzahl darf nicht unterschritten werden. Dass während einer Woche etwa acht junge Kaninchen unsere Schulwiese bevölkerten und es am Freitag Kaninchenragout als Kochthema und zu essen gab, sei noch erwähnt…..

Mein persönliches Fazit nach 6 Jahren:

1. Altersdurchmisches Lernen und Lehren ist eine ganz besondere Qualität.

2. Schüler können mehr, als man ihnen allgemein zumutet.

3. Die Arbeit an dieser Schule hat auch mir unglaublich viel Spass gemacht. Ich meine, das muss man als Lehrkraft sagen dürfen. Auch mir muss es gefallen, ansonsten wickle ich Stoff, Schüler und Schule ab und zähle noch die vor mir liegenden Klassenzüge bis zu meiner Pensionierung..

4. Auch als „erfahrene“ Lehrkraft muss ich den Mut mitbringen, immer wieder bei Null anzufangen. Andernfalls hindere ich meine Schüler daran, Fehler machen zu dürfen. Vielfach sind es gerade diese Irrtümer, welche den grössten Lerneffekt mit sich bringen. Mein Argument:“ Das geht nicht, das ist schon bei einer andern Klasse gescheitert“, mag aus meiner Sicht richtig sein. Für die, üblicherweise mit Enthusiasmus an das Thema gehenden Schüler handelt es sich jedoch um ein Totschlagargument.  Und wenn es diese Klassenun doch schafft? Vertrauen, Begleitung und Unterstützung sind die besseren Werkzeuge.

5.  Gelernt haben nicht nur die Schüler, auch ich konnte sehr viele neue und hochwertige Erfahrungen sammeln, nicht selten von den Schülern selbst und davon haben spätere Klassen wieder profitiert.

Skeptiker mögen nun sagen: „Ja, das war so eine richtige Heileweltschule und ist nur bedingt übertragbar.“ Ihnen möchte ich entgegenhalten, dass in den zwei folgenden Berichten über meine letzte Station als Lehrkraft in einer städtischen Schule mit sehr hohem Ausländeranteil berichtet wird, mit der Kritik in Sachen heile Welt also noch etwas gewartet werden sollte…

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Ein Kommentar zu “Schule: Das Dorf und seine Schule 91-97 (3)

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