Schule 1999-2004: Quartierschule im Vorstadtquartier (2)

Ende 1999 war klar, dass ich die mir anvertraute 4. Klasse für 3 Jahre betreuen würde. Im Anstellungsgespräch machte ich deutlich, dass ich projektlastig und mit so weit wie möglich offener Stundentafel zu arbeiten gedenke, dass, sollte Bedarf bestehen, phasenweise in Leistungsniveaus innerhalb der Klasse gearbeitet werde und angesichts der misslichen Infrastruktur Sponsoring ein Thema sein könnte. Zu diesen Themen möchte ich vor Unterschrift des Vertrages ein ok und dann würde ich meine Arbeit sehr optimistisch angehen.

Das Stadtquartier verfügte über ein hervorragendes Freizeitangebot. Grosszügige Sportanlage, aktiver Fussballclub mit breiter Juniorenförderung, Musikunterricht, Reiterhof, Gemeinschaftszentrum mit vielen Kursen und Anlässen. Kurz, viele Dinge, welche in den Augen von Jugendlichen attraktiver waren als Schule. Mit meinem Schulzimmer musste also was passieren, wenn ich da mithalten wollte…

Verbesserung der Infrastruktur:

– Anschaffung von Fernseher und Video-Gerät.

– mein Keyboard kriegte einen festen Platz im Schulzimmer

– Bettelbrief an Grosskonzerne um ausrangierte, aber funktionierende PC’s. Die Firma Esso unterbreitete uns einen tollen Vorschlag: Bis zu 40 PC’s, von den eigenen Technikern nach- und mit einheitlichen Betriebsprogrammen ausgerüstet, nachträglicher Einbau von Diskettenlaufwerken (da viele Lernprogramme noch auf Disketten liefen. Umfrage im Schulhaus: Wer möchte auch PC’s? Diskussion und Einwände einzelner Lehrkräfte, man wolle Apple und hier falle quasi ein Vorentscheid… Letztendlich hatten wir Interessenten für etwa 25 PC’s, welche in den Kleinbus des Vaters einer meiner Schüler verladen wurde und in den Zimmern installiert wurden. Wir hatten 4 PC’s im Schulzimmer und somit ein gute Schreib- und Übungsstation. Ich für mich konnte von einem HP-Angebot einer guten Kollegin profitieren. Brandneuer Laptop, nur für Spezialkurs verwendet, zum halben Preis…

– Riesige Kopierarbeit von Lern- und Übungsblättern zu den Themen Mathe Sprache und Registerkarteien für die einzelnen Schüler.

– Den fürchterlichen Linoleumboden hatte ich schon früher mit etwa 15 Litern Glänzer in drei oder vier Etappen soweit versiegelt, dass der Staub nun tatsächlich weggewischt werden konnte. Hausschuhe obligatorisch für alle. Dieses „versiegeln“ wurde später wiederholt, gemeinsam mit einzelnen Schülern.

Unterricht und Projekte:

– Konsequenter Wochenplanunterricht (dazu weiter unten eine Neuerung)

– Schülerzeitung als Quartierzeitung 2 1/2-Jahres-Projekt (Inserate in der Freizeit aquiriert, Themen im Rahmen des Deutschunterrichtes oder in der Freizeit (Interviews, Reportagen), Kopiert bei einem der Schule wohl gesinnten Buchbinder, zusammengetragen und in einer Auflage zwischen 250 und 400 Exemplaren alle drei Monate verkauft. (Erlös in die Klassenkasse)

– Weihnachtskonzert oder -Theater, Konzert der lockeren Art zum Ende des Schuljahres. Dazu konnten wir jeweils einen grossen Saal des Landgasthofes verwenden, welcher vom damaligen Pächter unentgeltlich (auch für die Proben) zur Verfügung gestellt wurde.

– Jährliche Projektwoche (ganze Schulanlage)

– Sporttag (Primarschule)

– Eisfeld: An kalten Wintertagen unteren Asphaltplatz einwässern und regelmässig nachts und frühmorgens besprühen. Mitarbeit von Eltern und Schülern. Ein neues Pausenvergnügen für die Schüler der ganzen Anlage, sogar Hockey konnte man spielen..

Diese Projekte hatten eigentlich alle dasselbe Ziel: Bekanntschaften und Beziehungen über die Schule hinaus knüpfen. Wer einen Inserateauftrag für die Zeitung reinholt, mit einem Ladenbesitzer ein Interview gemacht und meistens noch etwas offeriert gekriegt hat, wird sich hüten, vor diesem Geschäft rumzupöbeln oder eine Wand vollzuschmieren. Das 4. Klass-Thema „unser Quartier“ konnte so sehr realistisch angegangen werden. „Wir“ waren Bestandteil des Quartiers, profitierten von diesem und das Quartier profitierte in einem gewissen Sinne von uns, resp. unserer Zeitung und unseren Aufführungen.

Neuerungen im Unterricht:

– Aufgaben unvollständig,  oder nicht gemacht, da Blätter in der Schule vergessen. Ein Dauerproblem der 5-Wochen-Klasse im vorigen Beitrag und eine der häufigsten Klagen von Lehrkräften. Eine Umfrage bei den Eltern der neuen Klasse Eltern, dass zu jenem Zeitpunkt drei oder vier Familien nicht im Besitze eines PC’s mit Internetanschluss waren.  Diese hohe PC-Dichte war für mich überraschend, zugleich Erklärung für den Zustand mancher Kinder, welche morgens völlig ausgepowert im Stuhl hingen.

Wochenplan und Arbeitsblätter ins Netz: Die Wochenpläne wurden montags verteilt und gleichzeitig mit den Arbeitsblättern zusammen ins Netz gestellt. Die reellen Wochenpläne mussten zu Hause unterschrieben werden. Die Eltern wussten somit, was ihr Kind auf wann zu erledigen hatte. Die mögliche Ausrede „habe das Blatt nicht“, hatte keine Wirkung mehr, da dieses ausgedruckt werden konnte. Neue Übungsform Lernspiele auf PC konnte eingeführt werden, da überzählige Esso-PC’s in die drei Familien gingen. Das Protokoll auf der Diskette zeigte auch, wie oft und mit welchem Resultat eine Übung durchgearbeitet wurde. Praktisch für die Lehrkraft, und zu Beginn natürlich die beliebteste Hausaufgabe der Schüler.

Anlässlich eines Elternabends wurde dieses System erklärt. Dies unter dem Aspekt: Eltern sollen wissen, was  ihr Kind zu leisten hat (und in der Hoffnung, dass bezüglich weiterer Freizeitplanung die entsprechenden Prioritäten gesetzt würden)

Die 7:30 Stunde: Für Schüler, welche weiterhin mit unvollständigen Hausarbeiten in die Schule kamen, kündigte ich eine weitere Neuerung an: Ich behalte mir als Lehrkraft vor, nachdem das Kind zum 3. Male Dinge vergessen oder Aufgaben unvollständig mitbringt, dieses während einer Woche auf 07:30 ins Klassenzimmer zu bestellen. Es wird alle Hausaufgaben hier machen, alles Schulzeug bleibt in der Schule. Ich möchte so das arbeitstechnische Problem kennenlernen… Dasselbe gilt für chronische zu spät Kommende. Bei einzelnen Eltern Stirnerunzeln, andere fanden das sehr gut und wollten ihr Kind gleich anmelden….

In kürzester Zeit gab es einen 7:30 Uhr Club. Nicht zwangsverknurrt, sondern Schülerinnen und Schüler, welche regelmässig in dieser Zeit ihren Wochenplan durcharbeiteten, falls nötig um 15:30 noch eine halbe Stunde dranhängten und locker pfeifend die Schulanlage mit leeren Händen verliessen…

Standortgespräche:

Da verschiedentlich von Kollegen und Kolleginnen zu hören war, Eltern seien teilweise sehr bemüht, für ihr Kind Ausnahmen und Sonderbehandlungen zu beantragen und ich bereits vor dem neuen Schuljahr ebenfalls entsprechende Telefonate kriegte, organisierte ich früh einen Elternabend, legte mein Halbjahresprogramm vor und bat die Eltern, sich während der ersten drei Schulmonate zurückzuhalten, es sei denn, das Kind kriege extreme Probleme oder leide. Ich würde mich wieder von meiner Seite her melden.

Dies geschah in Form eines schriftlichen Berichtes, in welchem das Kind in seinen schulischen, aber auch sozialen Stärken und Schwächen beschrieben wurde. Der Bericht umfasste zwischen einer und drei Maschinenseiten und legte auch Ziele fest, welche meiner Meinung nach im kommenden Semester erfüllt werden sollten. Der Bericht wurde mit dem Kind vorbesprochen,  zu Hause abgegeben und ans Eltern-Kind-Gespräch mitgebracht. Die Eltern und Kinder waren aufgefordert, Ergänzungen oder andere Wahrnehmungen anzubringen und gemeinsam setzten wird Ziele fest und unterschrieben dieses Papier.

Dieser Aufwand war beträchtlich, doch zwang er er mich, neben den vielen andern Terminen, welche es im Schulhaus noch gab, mich intensiv mit den Kindern auseinanderzusetzen und auch gegenüber den Eltern von Fall zu Fall Stärken, Schwächen und Ziele des einzelnen Kindes darzulegen. Darauf haben sie ein Anrecht und das Zeugnis vermag dies nicht abzudecken.

Das Schulgesetz voll ausnutzen:

Ein Beispiel dieses 4.-6. Klasse-Klassenzuges. Schülerinnen und Schüler hatten also 2 1/2 Jahre im Deutsch und in der Freizeit eine Quartierzeitung produziert und auch in der Freizeit verkauft. In der Klassenkasse befand sich also reichlich Geld und es stellte sich die Frage nach dem Klassenlager in der 6. Klasse. Laut Schulgesetz darf dieses max. 10 Arbeitstage dauern. Ebenfalls zu berücksichtigen war das Rahmenbudget. Wir kamen zu folgendem Ergebnis, Einwilligung der Eltern vorausgesetzt: Wir legen das Lager um Pfingsten herum, eine Woche vorher, eine Woche nachher. Das Lagerhaus ist so gewählt, dass wir über Pfingsten die Familien aller Schüler einladen, beherbergen und verpflegen können. Der offizielle Schlusspunkt des Schuljahres. Anschliessend wird nochmals gebüffelt, dass die Ohren rauchen, ohne Wochenplan, ohne Morgenstunde, also Aufgaben zu Hause usw. Klasse und Eltern fanden den Vorschlag gut, schuladministrativ gab es noch etliche Diskussionen, bis das ebenfalls genehmigt wurde. Und natürlich: Gekocht wird selbst, Endreinigung durch uns. Ein tolles Lager!

Und: Grosser Dank gebührt den Eltern, welche diese drei Jahre ganz wesentlich mitgetragen und an vielen Projekten aktiv teilgenommen haben. Das war eine tolles Teamwork.

Es gäbe noch viel zu erzählen, vielleicht kommt das in anderem Zusammenhang. Mir geht es jedoch  um etwas ganz Anderes. Was passiert denn derzeit an unseren Schulen? Ist uns das bewusst?

Was hat sich  substanziell in meinem Unterricht während dieser gut 30 Jahre geändert? Wer die vorangegangen Beiträge gelesen hat, stellt fest, dass ich immer wieder ähnliche pädagogische Elemente und Projekte aufgegriffen und in den Unterricht integriert habe. Geändert hat sich lediglich das Werkzeug, die Technologie, mit welcher gearbeitet wurde. Die erste Schülerzeitung von 1992 war noch von Hand geschrieben, die letzten Ausgaben 2004 auf dem PC mit Korrekturprogramm und wer das nicht verwendete, hat sich blamiert.

Der Kern ist jedoch derselbe geblieben: Themen durch Schüler eingebracht und in der unmittelbaren Umgebung vernetzt. Dorf oder Stadt? Aus meiner Sicht kein Unterschied. Schüler in diesem Alter machen das gerne und die unmittelbare Umgebung estimiert diese Aktivität.

So gesehen gilt für mich das verharmlosende Argument „Heileweltschule“ nicht. Es geht um die Schaffung eines überschaubaren Rahmens, in welchem sich eine Klasse alterstypisch innerhalb und ausserhalb des Schulzimmers bewegen kann und darf, ja soll. Naturgegeben im Dorf, aber rund um jedes Schulhaus vorhanden, auch in der Stadt. Innerhalb dieses Rahmens handeln sie zum grossen Teil eigenverantwortlich und als Lehrkraft kann ich sie dabei begleiten oder muss sie bei Bedarf zurückpfeifen.

Je länger je mehr geht es aber auch darum, Flexibilität, Umgang mit Unvorhergesehenem, Methoden der Informationsbeschaffung etc. zu erlernen und anzuwenden, im Team zu erarbeiten. Noch nie war das so spannend und vielfältig wie heute. Es gibt doch bereits heute 6. Klässler, welche in bestimmten Fachgebieten viel beschlagener sind, als die Lehrkraft. Gut, auch ich kann mir heute mittels neuer Technologien dieses Wissen in relativ kurzer Zeit aneignen. Der Lehrer, der alles weiss, den gab es nie und den braucht heute niemand mehr… Wikipedia weiss es besser…

Zentral bleibt jedoch : Ein Haus baut man generell von unten nach oben und zwar auf einem soliden Fundament. Das war schon immer so und wird auch so bleiben. Welche Voraussetzungen Fundament und Mauern erfüllen müssen, ist im Wesentlichen auch klar. Nun kann man noch wählen zwischen verschiedenen Materialen und der Gestaltung der Fassade, dies aber erst, wenn Fundament und Mauer sicher stehen.

Diese Technik, dieses Elementarwissen zu vermitteln, ist DIE Grundaufgabe der Volksschule und wenn wir die konkreten Lernziele betrachten, welche erfüllt sein sollen, so hat sich an diesen (abgesehen von  den Formulierungen und immer mehr Unverbindlichkeiten) wenig geändert. Oder, wie Kritiker meinen: Die Lehrziele werden immer weniger erfüllt.

Meine bisher beschriebenen Eindrücke haben etwas Weiteres gemeinsam: Alle beschriebenen Klassen wurden von mir als Lehrkraft alleine geführt. Wer sich im Schulsystem etwas auskennt weiss somit, dass das alles Schnee von gestern ist. Heute haben Grundschulklassen zwischen drei und 5 Lehrkräften. Der Anteil der weiblichen Lehrkräfte liegt auch in der Altersgruppe 9-12 teilweise auf über 70%. Dazu kommt: Ein Grossteil der Lehrkräfte arbeitet Pensen zwischen 60% und 80%.

Aus diesem Grunde werden die nun folgenden Beiträge sich den Themen: Schulorganisation, Fremde Kulturen und Lehrplan,  Flankierende Dienste, Lehrerprofil und -Ausbildung widmen.

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