Schule: Lehrplan Mathematik, das Tröpfelsystem

In den nun folgenden Beiträgen befasse ich mich mit der Situation in der Schweiz, wobei sich  die Kernfragen und -aussagen genau so auf Deutschland übertragen lassen. Ich gehe  nicht auf die verschiedensten Übertrittsmodelle und Stufenbezeichnungen ein und beziehe mich hier auf das Muster 2 Jahre Vorschule, 6 Jahre Primarschule mit anschliessendem Übertritt in Langzeitgymnasium oder Sekundarstufe A, B, evt. C.

Kernkompetenzen, welche am Ende der 6. Klasse erwartet werden. Ich beschränke mich dabei auf die Fächer Mathematik, Sprache und “ Mensch und Umwelt“ (wo Geographie, Geschichte, Soziales usw. untergebracht sind). Das Thema Mathematik ziehe ich vor, weil es meiner Meinung nach eigentlich am Griffigsten ist. Die Gedanken am Ende des Beitrages können 1:1 auf die nachfolgenden Themen übertragen werden.

Mathematik:

Beherrschen der Grundoperationen, Bruchrechnen, Dreisatz, Dezimalbrüche als Technik und erkennen derselben aus Textaufgaben. Dazu kommt noch ein Kapitel, welches Geometrie in den Grundbegriffen näher bringt. Seit ich mich an Schule erinnern kann, hat sich im Grunde genommen nichts an diesen Zielen geändert. Zwischendurch kam mal ein System (moderne Mengenlehre), was aber heute nur noch als Restmenge von Mathematik in einzelnen Büchern überlebt hat.

Um diese Ziele zu erreichen stehen offiziell 4 oder 5 Wochenstunden zur Verfügung. 4 (Wochenstunden) x 39 (Schulwochen) x 6 (Jahre) = 936 Lektionen. Dazu dürften pro Woche im Durchschnitt 2 Stunden Hausaufgaben in diesem Fache anfallen, also weitere 468 Stunden, während einer 6-jährigen Schulzeit. Total sind also rund 1404 Stunden Aufwand zu erbringen, um diese Fähigkeiten zu erlangen. Rechnen wir das um in Schulwochen à 30 Lektionen. Das macht 46,8 Schulwochen, liebe Freunde, verabreicht in Einzellektionen auf die Dauer von 6 Jahren. Auch dieser Wert ist seit meiner Schulzeit praktisch unverändert, wobei damals die Aufgabenzeiten noch höher waren.

Geändert haben sich die Lehrmittel, also die Technik, mit welcher diese Fähigkeiten erworben werden sollen.  Neue Erkenntnisse, wie Problemstellung erkennen, Umkehrschlüsse,  praktisch anwenden usw. nahmen in den Schülerbüchern immer mehr Raum ein. Gab es früher nach einem neuen Thema mindestens drei bis vier Seiten „Aufgabenstöcklein“, so reduzierte sich das auf eine Seite, gefolgt von zwei bis drei Textseiten. Hier ist das „Erkennen“, das „Anwenden“ gefragt. Unsere Mathe-Bücher wurden also immer mehr zu Lesebüchern mit recht anspruchsvollen Texten. Das Motto: „Weniger ist mehr“ wurde auf ganze Schulstufen umgelegt. Korrektiv tauchten dann plötzlich  Sammlungen von Übungsblättern auf, weil man erkannt hatte, dass im funktionalen Rechnen bei beachtlichen Teilen der Klasse Lücken bestanden, das vorhandene Übungsmaterial offensichtlich nicht ausreichte.

Oder aber: Wer das funktionale Rechnen des Übungsteils im Lehrmittel noch nicht begriffen hatte, war ein schlechter Rechner…, denn er blieb auf den Textseiten stecken…

„Wenn ich 61 und 15 addiere und das Ergebnis durch 2 dividiere, dann erhalte ich?“ (4. Klasse)

„Roland muss zweimal in der Woche den Hamsterkäfig reinigen. Dafür braucht er jeweils 35 min. Fürs Füttern rechnet er täglich mit 15 min und 10 min spielt er pro Tag. Wie viel Zeit verbringt er durchschnittlich mit seinem Hamster?“ (6. Klasse) (Spielt Roland eigentlich mit dem Hamster oder der Play-Station, nur so sprachlich nachgefragt….?)

Lassen wir einen sprachlich schwachen Schüler diese Aufgaben lösen. Ist er nun ein guter oder ein schwacher Rechner oder auf Grund der limitierten Sprachkenntnisse einfach nicht fähig, diese zu lösen?  Wie gehen wir mit Kindern aus andern Sprachräumen um, welche teilweise über 70% von Klassen ausmachen, rechnerisch ein gutes Rüstzeug mitbringen, aber Deutsch nur rudimentär sprechen?

Ja, war das nicht schon früher ein Problem? Wieviele „Einheimische“ sind auf Grund sprachlicher Schwierigkeiten später in der Mathematik gescheitert? 3. Klasse: Sprache 4,5, Rechnen 5,5; 4.Klasse Sprache 4, Rechnen 5,5; 5. Klasse: Sprache 3,5, Rechnen 4,5, 6. Klasse: Sprache 3, Rechnen 3,5.  Dieses Notenbild werden viele Mittelstufenlehrkräfte bestätigen können. Es ist meiner Überzeugung nach das traurige Eingeständnis, dass dieses betroffene Kind (aus dessen Sicht) mit grösster Wahrscheinlichkeit zur falschen Zeit mit Stoff konfrontiert wurde, zu dem es keinen Zugang fand, finden konnte und später liess sich das entstandene Loch nicht mehr schliessen.

Bei diesem Beispiel muss übrigens nicht zwingend ein direkter Zusammenhang zwischen Sprache und Mathe bestehen, es kann auch ganz einfach sein, dass das Kind in seinem Abstraktionsvermögen, viel Vergnügen beim Lesen dieser Definition,(noch) Defizite hat, welche zwar zwei Jahre später behoben sind, aber dann ist die Lust auf die Schule angesichts des Notendesasters verflogen.

Dazu noch dies Basiskompetenztest für Lehrkräfte an der pädagogischen Hochschule Zürich 2010. Damit weist sich die Lehrkraft als fachlich ausreichend kompetent aus, auf dieser Stufe und in diesem Fache zu unterrichten.

Das Tröpfelsystem:

Während 6 Jahren wird nun das, was wir Lehrplan Mathematik nennen, in 50-Minuten-Häppchen verabreicht. Seit ich Schule kenne, ist das so. Gut, zu meiner Zeit war es noch so, dass wir eigentlich 100-Minuten ohne Unterbruch im Schulzimmer waren. Wenn nötig, gab es dann auch mal eine Verlängerung der Mathe-Stunde auf zwei Lektionen. Dann erst war Pause. Heute ist das klar geregelt. 50 Minuten, dann Pause. 50 Minuten, dann grosse Pause. usw. Das ist die offenbar optimale Lerneinheit für Kinder (welche daneben stundenlang gamen, Sport treiben oder ein anspruchsvolles Hobby betreiben). Daran wird nicht gerüttelt.

Man stelle sich einen schwachen Rechner, der ich übrigens wirklich war, im heutigen System vor. Mathe-Stunde beginnt, Lehrer kommt repetiert was, stellt Fragen, einige mündliche Übungen,  allenfalls Korrektur von Übungsaufgaben in der Klasse, mhhh wieviele habe ich falsch? Die muss ich dann verbessern? Zusätzlich zu den andern Aufgaben? Jetzt geht es weiter, neuer Stoff, ruft er mich auf,  diese Aufgabe vor der Klasse zu lösen? Wie lange dauert die Lektion noch? Das Neue ist eingeführt, nicht kapiert, soll ich das sagen? Wir können mit Üben beginnen, ist gut, rechnet mein Nachbar zuverlässig, ich muss ihn nochmals fragen, wie das jetzt geht, aaah Pause! Überstanden. Wenn nur die Aufgaben schon gemacht wären… Wann haben wir wieder Mathe?? Uuff, schon morgen…

Lustbetontes, motiviertes Lernen schaut anders aus und die Vorstellung, dass rund 1/3 einer 5. oder 6. Klasse sich statistisch in dieser Problemzone bewegt, muss einen Einfluss auf das Klassenklima haben, auch für die leistungsstarken Schüler. Wo ist es geblieben, das Ziel orientierte Lernen?

Bis heute wird  dieses ineffiziente Tropfsystem aufrecht erhalten. Nichts mit Schwerpunktwoche, nichts mit Intensivkurs,  Crashkurs, obwohl dies auf dem freien Markt überall angeboten wird und beachtliche Ergebnisse vorgewiesen werden können. Nein: Die Schule hält an der Lektionentafel fest und es wird sich später zeigen, weshalb sie daran festhalten muss. Eine Sackgasse.

Zwei Standards:

Psychologen, Pädagogen, Didaktiker, welche einerseits Lehrmittel und deren Themen als altersgerecht einschätzen und andererseits Schüler in ihrer persönlichen Entwicklung und Wahrnehmungsfähigkeit in Bandbreiten von bis zu + / – 2 Jahren zur alterstypischen Norm  zu beschreiben verstehen, müssen in einem unglaublichen Spagat leben. Sie lassen mit zu, dass ein Lehrmittel auf diese Jahrgangsklasse gestülpt wird, welches für viele Schüler entweder eine Unterforderung, für viele andere eine Überforderung darstellt. Das ergibt dann den Durchnitt… Oder könnte man das auch „Natürliche und gewollte Selektion“? nennen?

Kinder in diesem Alter leben ja in Schüben. Ein körperlicher Wachstumsschub geht vielfach einher mit Müdigkeit und Konzentrationsstörungen.  Das legt sich jedoch innerhalb einiger Monate wieder und das Kind kehrt zu seinem gewohnten Leistungsverhalten zurück. Kriegt das Kind im heutigen Schulsystem diese notwendige Zeit, oder wird es nach drei Monaten beim Schulpsychologen angemeldet und möglicherweise auf die Symptome dieser (momentane) Schwäche therapiert? Das wäre ein gravierender Einschnitt in das Leben des Kindes und seine soziale Einbindung in der Klasse.

Worauf will ich hinaus: Eine Gemeinschaft besteht aus Persönlichkeiten mit ganz individuellen Stärken und Schwächen, welche sich im Laufe von drei Jahren völlig unterschiedlich entwickeln  können. Als Lehrkraft taucht da schon mal der Wunsch auf, das Schulzimmer als Symbol von Schule möge ähnlich einem Gummiband all diese individuellen Ausschläge auffangen, sich dehnen, wo nötig, sich zusammenziehen, wo ein Vakuum besteht. Flexibel sein.  Fixe Stundentafel und Jahreslehrplan sind diesbezüglich die ziemlich ungeeignetsten Mittel, finde ich.

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