Schule: Lehrplan Sprachen; wirklich zeitgemäss?

Was ich im vorangegangen Beitrag ziemlich detailliert beschrieben habe, möchte ich nun zu diesen Themen etwas geraffter darlegen:

Sprachenbabylon in der Schweiz

Deutsch:

Erwerb der „Muttersprache“ in schriftlicher und mündlicher Form. Dabei hat sich der Begriff Muttersprache im Laufe der letzten Jahrzehnte natürlich gewaltig verändert. In vielen Regionen macht Muttersprache Deutsch unter den Schülern einer Klasse vielleicht noch knapp 50% aus, die andern Kinder  pflegen nicht eine andere, sondern eine Vielzahl von Muttersprachen. Sicher können wir uns hier darauf einigen, dass Deutsch als Landessprache prioritär gelernt werden muss. Es handelt sich zugleich um die Schulsprache, was in Deutschland völlig normal ist, in der Schweiz aber für die eingeschulten Kinder dem Erlernen der ersten Fremdsprache gleich kommt. Das sollte nicht vergessen werden. Wie schon früher erwähnt, ist Deutsch der Schlüssel, um auch in anderen Fachbereichen der Grundschule erfolgreich zu sein, da die dortigen Erläuterungen und Aufgabenstellungen in Deutsch erfolgen. Wer also die Sprache nur rudimentär beherrscht, wird in andern Fächern sehr schnell an seine Grenzen stossen. Ich fahre jetzt weiter mit der deutschsprachigen Schweiz:

Frühenglisch:

In der Schweiz ab 2. oder 3. Klasse mit 2 – 3 Wochenstunden und dann weiter durch die ganze Volksschule als Fach. Mindestziele am Ende der 6. Klasse, also nach 3 oder 4 Jahren Englischunterricht à zwei oder drei Wochenstunden.

können im Schulalltag einige ganz kurze Arbeitsanweisungen
verstehen, wenn sie diese schon ein
paar Mal genau so oder ähnlich angetroffen haben.

Arbeitsanweisungen im Lehrbuch

können in einem Einladungsbrief die wichtigsten Details
verstehen.Grund, Tag und Zeit der Einladung, Treffpunkt

können in einfacheren Texten einzelne Ausdrücke und ganz
einfache Sätze verstehen, wenn sie das Wörterbuch zu Hilfe
nehmen können.
einfache Sachtexte,
Bildergeschichten,
Kindergeschichten

können auf Plakaten, Flyern und Schildern grundlegende
Informationen finden und verstehen.
Tag, Zeit, Ort, Preis, Zahlen

Wer sich für detailliertere Informationen interessiert, wird hier fündig. PDF-Datei.

Frage: Gibt es eigentlich Quervergleiche zu Klassen ohne englisch und deren Englischkenntnisse am Ende der 6. Klasse?

Französisch:

Ab 5. Klasse – 9. Klasse. Hier das Konzept. Klingt gut, klingt wirklich gut. Wie wir aber alle wissen, sieht die Realität der Schulabgänger aus der 9. Klasse völlig anders aus. Ein beträchtlicher Prozentsatz kann die Sprache überhaupt nicht anwenden und „verfolgen der französischen Geschichte in der entsprechenden Fremdsprache“ ist wohl eher Wunschdenken.

Zeitaufwand: Wieder wird für das Erlernen der Grundbegriffe in zwei Fremdsprachen enorm viel Zeit aufgewendet. Rund 1000  Lektionen für englisch und etwa 800 Lektionen in Französisch(ohne Hausarbeiten). Erneut findet dies im Tröpfelsystem statt.

Nicht erwähnt habe ich bisher, dass viele fremdsprachige Kinder mittwochs oder samstags ausserdem so genannten heimatsprachlichen Unterricht besuchen, wo sie Geschichte Kultur und Sprache ihrer Eltern lernen und oder vertiefen.

Dies führt in der Schweiz zu folgender Realität: 11 jährige Kinder sind in ihrem Alltag mit bis zu 6 Sprachen konfrontiert: Schweizerdeutsch-Deutsch-Englisch-Französisch- Muttersprache(n) der Eltern. Hier muss und darf von Sprachenwirrwarr gesprochen werden. Ebenso deutlich möchte ich an dieser Stelle der Theorie entgegentreten, wonach der frühkindliche Erwerb von Fremdsprachen für Kinder am Einfachsten ist. Das trifft zu, wenn man von einer Fremdsprache spricht, wird aber hochproblematisch, wenn parallel noch drei andere Fremdsprachen laufen. Besonders krass zeigt sich dieses Durcheinander für Kinder, deren fremdsprachige Eltern die Muttersprache bewusst oder aus Bequemlichkeit als Erziehungssprache verwenden… Dieses Kind muss sich demzufolge in der Schweiz im Primarschulalter mit 4 Fremdsprachen befassen.

Das Resultat kennen wir: italienischstämmige, türkischstämmige, aus dem Balkan kommende Kinder entwickeln eine eigene Umgangssprache und wer sich ein bisschen auf Sozialen Netzwerken umschaut, findet sie dort wieder- als Beleg dafür, dass grosse Gruppen weder die eine noch die andere Sprache beherrschen.

Sprachunterricht in Stundenhäppchen:

Entgegen allen Trends und auch Erkenntnissen verharrt die Schule auch beim Thema Erwerb einer Fremdsprache beim lektionenweisen Lehrsystem. Gerade  beim Sprachunterricht ergibt sich daraus die Situation, dass dieser „spielerische Erwerb“ der Fremdsprache auch von den Schülern als solcher wahrgenommen wird, als lockere Stunde. So muss von Lektion zu Lektion immer wieder sehr viel Zurückliegendes aufgegriffen werden. Dazu kommt, dass diese Lektionen von Fachlehrern erteilt werden, welche nicht zwingend Klassenlehrkräfte sein müssen. Zum Thema englisch ist von den Lehrkräften der Oberstufen zu hören, dass sie nun auch in diesem Fache Schüler kriegen, welche „noch dabei sind“ oder „den Zug schon verpasst haben“. Früher hätte man wenigstens in diesem Fache mit allen bei Null anfangen können, etwas Neues zu bieten gehabt.

Alternativen

Es gibt Länder, in welchen Fremdsprachen nach völlig anderen Prinzipien erlernt werden. Ein Beispiel aus der Türkei: Deutsch als halbjähriges Schwerpunkt-Thema: Die Sprache wird während eines halben Jahres, je nach Schulstufe bis zu einem Jahr (z.B Vorgymnasium),  in 12 – 16 Wochenstunden intensiv vermittelt. Eine gute Methodik vorausgesetzt, ist das Ergebnis nach knapp 600 Lektionen meiner Erfahrung nach deutlich besser, als das, was wir in der Schweiz an Erfolgen vorweisen können. Zugleich will ich das jedoch in dem Sinne einschränken, dass es sich um einen mehr Theorie lastigen Sprachunterricht handelt. Die Schüler sind in der Lage, grammatikalisch mit der Sprache umzugehen. Was ihnen vielfach fehlt, ist die praktische Anwendung. Es entstehen Sprechhemmungen und so geht das Gelernte auch wieder schnell vergessen.

Mit unseren Lehrmitteln, unserer Pädagokik und Methodik, müsste ein solches System zu einer unvergleichlich hören Sprachkompetenz und Effizienz führen. Denn: Wenn alle wissenschaftlichen Berichte darauf hinweisen, dass die Fremdsprachen im Kindesalter am leichtesten erlernt werden und daneben renommierte Sprachschulen äusserst erfolgreich 3-Monats-Intensivkurse  für Erwachsene anbieten, wonach man anschliessend die Sprache in ihren Grundzügen beherrscht, dann spricht eigentlich schon längst nichts mehr für diese überkommene Form der stundenweisen Sprachvermittlung.

Ja, ich kenne die Argumente aus der Schulpädagogik: Die Kinder sollen hier „spielerisch“ an die Sprache herangeführt werden. Als ehemalige Lehrkraft halte ich dagegen: Dieses „spielerisch“ belastet meinen Unterricht zu 20% wöchentlich. Daneben haben wir noch musische Fächer, Sport, spielerischen Umgang mit der Muttersprache etc. Damit das alles nicht zuviel wird, können wir ja Zeichnen und Turnen auf französisch oder englisch abhalten und auch im Singen hilft uns das Erweitern des Repertoires um englische und französische Lieder, sodass wir diese Fremdsprachen auch gleich noch unterbringen. Mit einer Lektion 2 Fliegen erlegt…,  auf Kosten frühsprachlichen Lektionenunterrichts wurden Stunden im Bereich Sprache und Musisches abgebaut…

Sprachkompetenz:

Ja, welche darf es nun sein? Muttersprachlich, Schweizerdeutsch, Deutsch, Englisch, Französisch?

Wenn ich lediglich auf Schweizer  abstütze, scheint die Folge logisch: Schweizerdeutsch als Umgangssprache (welche nicht weiter gefördert wird), Englisch als die Sprache, welche Völker verständigendes Bindeglied sein soll und dazu noch der helvetische Kompromiss, dass man auch eine zweite Landesspreche verstehen sollte. Also italienisch oder Französisch.

Wie hoch ist der Anteil von Schweizern durchschnittlich in den Schulklassen? Mehrheitlich deutlich unter 50%. Wie begründet man dieses System in Klassen mit Ausländeranteilen von 60 -80%? „Die sollen sich anpassen“, ist da ein zu bequemes Schlagwort. Sie haben nämlich ein Anrecht, unsere Schulsprache Deutsch gründlich zu erlernen, dies mit ausreichend Übungszeit in der Primarschule und ohne dass sie zugleich mit zwei weiteren Sprachen bombardiert werden. Es wäre also die Schule, welche diese veränderten Rahmenbedingung in die Lehrstoffplanung einfliessen lassen müsste. Das kann in Einzelfällen mit Deutsch für Fremdsprachige aufgefangen werden, nicht aber, wenn halbe Klassen klare Defizite  im Grundwissen Deutsch aufweisen.

Wieder möchte ich ein viel gehörtes Argument relativieren : „Die Erfahrung hat gezeigt, dass gerade fremdsprachige Kinder unbefangener an englisch oder französisch herangehen.“ So und ähnlich klingt es immer dann, wenn über Frühenglisch, Frühfranzösisch etc. gesprochen wird.

Richtig: Fremdsprachige  haben nämlich schon Erfahrung mit dem Erlernen der Sprache unseres Landes und dem „Hochdeutsch“, wie wir es nennen, gemacht. Folglich haben sie weniger Angst, in einer neuen Sprache zu sprechen, sich damit zu befassen. Das ist jedoch lediglich die halbe Wahrheit.

Ausgeblendet wird jedoch, dass, sobald diese neue Sprache auch geschrieben werden sollte, Grammatik gefragt ist, gerade fremdsprachige Schülerinnen und Schüler plötzlich einen krassen Leistungsabfall verzeichnen müssen. Das wiederum wird dann mit mangelnder Lernbereitschaft, sozialem Hintergrund etc. begründet. Nein und nochmals nein: Setzen SIE sich mal als Deutsch mächtiger Erwachsener  in der Provence oder in Katalonien als Schulbesucher neben dem normalen Schulunterricht wöchentlich und  im Lektionentakt mit ProvençaL (oder dem katalonischen Dialekt), Französisch, Spanisch oder Portugiesisch, und Englisch auseinander – und zwar nach der Stundentafel, wie wir sie in der Schweiz kennen. Viel Vergnügen.

Wenn man sich nun etwas ausführlicher mit der Frage von Migration und Integration beschäftigt hat, entdeckt man ziemlich schnell, dass das Problem auch von den Behörden durchaus erkannt wird, Lösungen gesucht werden. Dies passiert jedoch weitgehend, ohne das gegenwärtige Organisationsmodell der Schule, was Stoffplan und Einsatz der Lehrkräfte betrifft, in Frage zu stellen. Es wird Neues hinzugefügt, ohne Altes und vielleicht gar nicht mehr Benötigtes über Bord zu werfen. Deswegen gleicht die Schule derzeit einem gewaltigen Heufuder, gestapelt auf einem antiken Holzleiterwagen mit Holzrädern und aufgenieteten Metallstreifen. Nicht nur die Ladung, auch der Wagen wird mit eine Vielzahl von Riemen zusammengehalten, welche dauernd nachgezogen werden müssen. Ansonsten fällt das Gefährt auseinander.

Dient  Schule dem Schüler oder  „dient“ der Schüler der Schule?

Gerade diese Beispiele zeigen auf, dass sich zwei Dinge offensichtlich hart reiben.

a) Schul-Organisation und optimaler Einsatz von Lehrkräften im Schulbetrieb gegen

b) lernpsychologisch und -methodisch Erfolg versprechende neue Lehrmethoden, welche jedoch die bisher gehandhabten Stunden- und Stellenpläne durcheinanderwirbeln.

Dazu kommen so genannte Sparzwänge und das alles erzeugt eine doch beachtliche Anzahl von Schülern, welche ausserhalb der regulären Schulstunden betreut und gefördert werden müssen. Aber offensichtlich belastet dies ein anderes Budget und ist nicht relevant.., obwohl mit den „Stütz- und Förderkosten pro Klasse“ und Jahr locker eine zweite Lehrkraft mit 50% Arbeitspensum in dasselbe Schulzimmer hineinfinanziert werden könnte.

Lösungen?

Ein Anfang ist in der Deutsch sprachigen Schweiz bereits gemacht. Es handelt sich dabei um das Projekt 4-8, eher unter dem Namen erweiterte Grundstufe bekannt. Hier wird der 2-jährige Kindergarten und die 1. Klasse der Primarschule zu einer Schulstufe zusammengelegt. Die Kinder haben hier den Vorteil, dass sie über längere Zeiträume in den Genuss von zwei Lehrkräften kommen und je nach Leistungsfortschritt und Entwicklungsstand ein Jahr früher oder später in die 2. Klasse eintreten.

Dann allerdings befinden sie sich wieder im klassischen Einklassensystem mit einer Lehrkraft und das bleibt so bis zum Abschluss der obligatorischen Schulzeit. Im Klassenraum findet sich jedoch eine Altersstreuung von bis zu drei Jahren. Das wiederum dürfte beträchtliche Auswirkungen auf die Klassenhomogenität in der 5./6. Klasse haben. Dies ist nicht zu unterschätzen.

Was spricht dagegen, beispielsweise am Ende der 3. und 5. Klasse eine Pufferklasse einzurichten, an welcher über ein Jahr an offensichtlichen Schwächen gefeilt wird, Lücken geschlossen werden? Es gibt nämlich Schüler, welche entwicklungs- oder sozialbedingt und nicht auf Grund mangelnder Intelligenz in ein Loch fallen. Sie brauchen einfach etwas mehr Zeit und wenn sie diese nicht kriegen, fällt es schwer, den Anschluss nicht zu verlieren.  Sicherlich eine gute Investition, da deutlich kostengünstiger  als all die Fördermassnahmen, welche den klassischen Schulweg bis zum Ende der obligatorischen Schulzeit pflastern. Hier geht es nicht um das „Vorarbeiten“ von Stoff, sondern um das Schliessen von Lücken und ganz sicher auch um das Vermitteln von Arbeits- und Übungstechniken, welche zuvor möglicherweise nicht vorhanden waren.

Was spricht dagegen, endlich englisch als die prioritäre Fremdsprache konzentriert einzuführen? Haben wir Erwachsenen vergessen, was es aus Sicht von Jugendlichen heisst, ein Fach über Jahre zu erlernen, aber das Gefühl zu haben, man komme hier nicht vom Fleck? Unendliche 6 Jahre… Wir haben ausreichend Beispiele: Was ist geblieben vom Französisch, welches wir 6 Jahre lang gebüffelt haben??? Was davon sind wir 5 Jahre nach Schulschluss noch im Stande , praktisch anzuwenden?

Nur: falls ich französisch wirklich brauche, erlerne ich diese Sprache in einem 6-monatigen Intensivkurs und wende es dann auch an. Das meine ich mit dem überladenen Wagen….

Gegen die konzentrierte Einführung wird eingewendet:“Und was machen wir mit den Lehrkräften, welche die Klasse üblicherweise unterrichten?“ Ja, neben der englisch erteilenden Person ist ja da oft noch die eigentliche Klassenlehrkraft. Was machen wir mit ihr? Die nimmt selbstverständlich am Unterricht  teil. Sie ist eine weitere Ansprechperson und das kann vor allem im Sprachunterricht nicht schaden, verbessert den Lernerfolg entscheidend.  Bildung ist nicht umsonst zu haben…

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