Schule: Lehrplan Mensch und Umwelt

In meinem letzten Beitrag zum Thema Lehrplan möchte ich mich mit dem Lehrplan Mensch und Umwelt auseinandersetzen. Unter diesem Begriff sind so ziemlich alle Sachthemen verpackt, welche nicht direkt mit Sprache, Mathe, Geometrie, Musische Fächer zu tun haben.

In der Mittelstufe 4.-6. Klasse wird nach dem Prinzip Dorf/Quartier (4.Klasse), Kanton/Bundesland 5. Klasse, Schweiz (6. Klasse) vorgegangen. Abgedeckt werden mit dieser Thematisierung die Hauptbereiche Geographie und Geschichte, teilweise auch Kultur, vor allem, wenn es um die Schweiz geht. Daneben kommen Spezialthemen aus der Botanik, Sachthemen wie Umwelt, das umfassende Thema Wasser inkl Energieerzeugung und Abwasserreinigung usw. , welche durch die Lehrkraft in Umfang und konkretem Beispiel weitgehend frei gewählt werden können.

Wenn man über Nachhaltigkeit sprechen will, dann ist jetzt der Zeitpunkt dafür da: Was von dem, was wir vor 50 Jahren schon in unserer Schulzeit (damals waren Ausländer in der Schulklasse noch ein Ereignis…) in diesen Fächern durchgenommen haben, ist hängen geblieben? Wie schaut es aus mit dem heutigen Wissen in Sachen Kantone, Stadt- und Schweizergeschichte?  Hier möchte ich den Bogen gleich in die anschliessende Oberstufe spannen: Wie steht es um das Wissen um französische Revolution, um Reformation usw.?

Ich möchte aus meiner Schulzeit drei Dinge erwähnen: Umgehung der Dorfgrenze, das ist bei mir positiv hängen geblieben.  Bewässerungssystem im Wallis (offensichtlich ein Spezialgebiet meiner Lehrkraft, denn das Thema wiederholte sich mit jedem Klassenzug 1:1) war negativ, da langweilig und über Wochen dauernd.. Pfahlbauersiedlung in Unteruhldingen. Dieses Thema wurde mit einer Schulreise dorthin abgeschlossen, deswegen erinnere ich mich daran. Ausserdem hatte ich das Gefühl, dass wir Schweizer, historisch gesehen, praktisch unschlagbar waren. Immer Kriege und eigentlich immer gewonnen. All die Schlachtpläne, wo welcher heimtückische Hinterhalt mit maximalen Verlusten des Gegners angelegt wurde, sind mir nur präsent, weil das immer noch Pflichtstoff ist, also auch von mir als Lehrkraft „abgewickelt“ werden musste.

Lernen für das Leben?

Hinter all diesen Themen steckt eigentlich ein und dieselbe Haltung:

„Kann die 26 Kantone der Schweiz, ihre Hauptstädte und Gründungsjahre benennen.“ Toll, das prüfen wir. 5 Monate später dieselbe Prüfung?…. Vergessen.

„Kann die Blütenstruktur eines Lippenblütlers grob skizzieren und die einzelnen Teile benennen“. Jawoll!!! Das ist was fürs Leben! Vielleicht für das Leben eines Schülers, welcher Botanik studieren wird, aber das lernt er dann anderswo. (Das war übrigens meine Patentlektion (Diplomlektion)…. Vorbereitungsaufwand rund 30 Stunden für eine 50-Minuten-Lektion.) Wie lange benötigen wir heute, um die entsprechenden Infos zusammenzutragen und: Könnten das heute auch Schüler selbstständig erarbeiten?

Forschend lernen

Motiviertes Lernen ist massgeblich durch „Einmaligkeit“ beeinflusst. Auf Grund eines Beitrages, eines aktuellen Anlasses wird etwas ein Thema in der Klasse. Aus heutiger Sicht ist es nun nicht die Lehrkraft, welche sich daran macht, dieses über zehn Lektionen vorzubereiten, der Klasse in Form von Arbeits- und Übungsblättern zu servieren und anschliessend zu prüfen. Vielmehr könnte die Aufgabe darin bestehen, diesen aktuellen Anlass thematisch so einzukreisen, dass die Klasse einen Rahmen kriegt, in welchem sie forschen und lernen kann. Ausgehend vom Heute, vielleicht mit einem Abstecher ins Gestern. Oder: Je nach Grösse der Schulanlage: Zwei Klassen und Lehrkräfte spannen zusammen, teilen sich ein Gebiet auf und werten gemeinsam aus.

Ein Beispiel 4. Klasse, 2. Semester Quartier/Dorf

Ein neues Geschäft hat eröffnet. Irgendein Schüler berichtet dies in der Klasse. Vielleicht kennt er den Besitzer, vielleicht ist es ein Familienangehöriges, vielleicht hat er dies einfach mitgekriegt. Das ist doch ein toller Einstieg in „Quartier/Dorf als Lebensraum“. Ich zähle jetzt einfach auf:

– Was gibt es alles an Geschäften? Hausaufgaben, liste sie mit Adresse, Name des Besitzers und Angebot des Geschäftes auf. Eintragen auf Quartierplan und Strassenplan. Überprüfen auf Google Maps und auch dort ergänzen, falls lückenhaft. Dann hat die Klasse zusätzlich was geleistet.

– Geschichte der Geschäfte: Neueröffnung? Geschäftsübergabe? Seit wann gibt es das Geschäft, Familienbetrieb in welcher Generation? Wenn neu: Weshalb gerade in diesem Quartier? Jedes Zweierteam betreut zwei oder drei Geschäfte und trägt alles Wichtige auf einem Steckbrief ein. Die Interviews kommen auf Tonträger oder werden gefilmt und anschliessend inhaltlich protokolliert. Vom Geschäft werden Fotos geschossen und auf den PC- umgeladen.

Nebenzweige: Evt. tauchen mit bestimmten Inhabern sprachliche Probleme auf: hat die Klasse Dolmetscher, welche dann zugezogen werden können? (..und den Schüler loben, dass er uns helfen konnte, vielleicht mit dem privaten [!!!!]  Hinweis, dass es toll wäre, er könnte sich in Deutsch genau so gut ausdrücken und die Lehrkraft ihn auf diesem Wege unterstützen möchte). Begehen des Quartiers und die Teams stellen „ihre Geschäfte vor“. Kann man ein Geschäft mit der ganzen Klasse besichtigen, oder kommt der Besitzer für eine Stunde in die Klasse? Wieviele Geschäfte gibt es bei uns? Textaufgaben mit wieviele Lebensmittel- , Textil- Fachgeschäfte etc. in der Mathe… (Sortieren, addieren, subtrahieren) usw. usw. „Wo kaufst du mit deinen Eltern ein? (Verschiedene Kulturen, verschiedene Geschäfte oder Spezialitäten und seltsamerweise kommen dann auch schwächere Deutschschüler dank Realbezug mit) Ein „Schaufenster“ in der Schülerzeitung, in welchem einzelne oder neue Geschäfte ausführlicher vorgestellt werden? (Ist das jetzt dem Fach Deutsch oder Mensch und Umwelt zuzuordnen?)

Sind wir da überhaupt noch beim „Thema Mensch und Umwelt“? Oh ja! Und zwar mit der gesamten Wochenstundentafel, auch in den Fächern Mathe, Sprache. Praktisch bewegen wir uns ausserdem in den Themen Verantwortung übernehmen, Teamwork, andere Kulturen-andere Sitten und so ganz nebenbei erleben Schüler ihren unmittelbaren Lebensraum mit einem feineren und aktuellen Raster, lernen neue Menschen kennen und denen geht es ebenso. Transparenz statt Anonymität. Beinahe logisch, dass da auch die Frage auftaucht: Wie war das denn früher? JETZT kriegt die Geschichte einen passenden Bezug. Und noch was: Die Klasse hat mit diesem Projekt eine Reihe von Fachleuten kennengelernt, an welche man sich wieder wenden kann, wenn andere Projekte und Themen anstehen.

Darf man für dieses Thema 4 – 6 Wochen einsetzen? Klar, das ist nicht das Problem. Die Schwierigkeiten liegen an einem andern Ort: Die betreffende Klasse wird während dieser Zeit vielfach ausserhalb des Klassenzimmers sein und zwar in Blöcken von bis zu 3 Stunden. Ich muss sie also an den andern „Fachstunden“ vorbeimanövrieren und da gerade auf dieser Stufe immer mehr in Teilzeitjobs gearbeitet wird, ergeben sich pro Woche nur noch wenige Zeitfenster, welche solche „Feldarbeit“ zulassen.

Das alles mit einer 4. Klasse im zweiten Semester? Warum nicht? Ich meine, sie sind mit Feuer und Flamme dabei. Einige brauchen vielleicht etwas mehr Unterstützung, gute Teams zusammenstellen und dann läuft die Bestandesaufnahme des Quartiers. Die Lehrkraft wird technischen Support leisten müssen, Filme oder Bilder umladen, ordnen und einen Raster vorbereiten, in welchen alles hineinpasst. Denn dies alles sind Techniken, welche die Schüler in ihrer Freizeit voll anwenden, teilweise schlecht nutzen und diesbezüglich brauchen sie vielleicht Unterstützung. Das kann aber durchaus durch zwei oder drei „Spezialisten“ der Klasse geschehen, welche Verantwortung übernehmen und ihr Wissen nach und nach den Einzelnen weitergeben.

Wir leben in einer hochtechnisierten Zeit. „Unser Quartier“ liesse sich heute über Google street view ins Klassenzimmer holen.  Der Realbezug würde jedoch entfallen und das Projekt wäre nicht mehr viel wert. Das eigene Erleben, die Realbekanntschaft, das „selbst gemacht“ ist die Basis, um diese Idee in der oben beschriebenen Form umzusetzen. Realbezug statt virtuelle Kunstwelt, wo möglich.

Ich mache mir keine Illusionen: Strassennamen und Jahreszahlen gehen vergessen. Was jedoch bleibt,  ist die Tatsache, dass die Schüler nach dem Projekt den Giovanni von der Pizzeria, den Ahmet vom Döner-Imbiss, den Herrn Amstein von der Apotheke, den Geschäftsleiter Migros usw. kennen. Die Fassaden haben Gesichter und Namen gekriegt und die Kinder beginnen, sich unter „Bekannten“ zu bewegen.

Auf dieser „Infrastruktur“ kann die Klasse in den folgenden zwei Jahren aufbauen, forschend-lernend. Denn die Schule kann keine Käseglocke sein, vor allem beim Thema Mensch und Umwelt.

So wird es Zeit, sich mit dem Ausbildungsprofil der Lehrkräfte, aber auch den Ansprüchen von Eltern zu befassen. Dies im nächsten Beitrag.

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