Schule: Berufsprofil Lehrkräfte und Ausbildung

Dieses Kapitel möchte ich mit einigen Zitaten einleiten:

Grundschule: Die Lehrerin kommt, der Lehrer stirbt aus

„Vor 50 Jahren unterrichteten an Volksschulen etwa gleich viele Männer wie Frauen, heute liegt der Frauenanteil bei 90 Prozent. Mit einem Aufholen der Männer ist mittelfristig nicht zu rechnen.“ die Presse.com

„In fast allen Schularten dominieren die Lehrerinnen. Auffällig ist jedoch, dass ihre Dominanz mit dem Alter der Kinder und dem Niveau der schulischen Bildung abnimmt. Werden die Mädchen und Jungen in Schulkindergärten noch fast ausschließlich von weiblichen Lehrkräften betreut, so ist der Anteil der weiblichen und männlichen Lehrkräfte an Gymnasien schon ausgeglichen und einzig an den Abendgymnasien dominieren die männlichen Lehrkräfte. Schülerinnen und Schüler erleben also vor allem in den unteren Klassen eine starke weibliche Präsenz.“ gender-Datenreport mit sehr guten Grafiken

In der Schweiz beträgt der Anteil weiblicher Lehrkräfte an Primarschulen 2009 80,6% gegenüber 70,7% im Jahre 1999.  Quelle Bundesamt für Statistik 

Lehrtätigkeit an Grundschulen ist also innerhalb von 30 Jahren eine weibliche Domäne geworden.  Immer wieder tauchen   auch Untersuchungen oder wissenschaftliche Beiträge auf (vor allem von Ausbildungsstätten und Schulplanern publiziert), wonach die Dominanz weiblicher Lehrkräfte keine negativen Folgen für die Schülerinnen und Schüler hätten. Wohlweislich klammert man da das Thema die „vaterlose Gesellschaft“ einfach aus.

Zu fragen ist, welche Auswirkungen diese Feminisierung im Grundschulbereich auf die Lehrerausbildung hat, denn: Viele dieser Lehrkräfte werden wenige Jahre später eine Familie gründen und über Jahre nicht mehr oder nur noch stundenweise zur Verfügung stehen. Damit ist zwar der Lehrkraft, aber nicht der Schule gedient… Ob diese Lehrkraft nach 10 Jahren wieder voll in den Beruf einzusteigen gedenkt, ist zu bezweifeln.  Wahrscheinlicher ist, dass sie sich weiter bildet und später als Einzelförderkraft, Aufgabenhilfe oder Logopädin zur Verfügung stehen wird. Dieses Arbeitsfeld entspricht dann zumal ihrem Lebensumfeld und Alter besser und ist weniger stressig, als einer ganzen Klasse gegenüberzustehen. So zumindest sehen es viele.

Folge: Die Pädagogischen Fachhochschulen müssen unverhältnismässig viele Lehrkräfte, welche unverhältnismässig kurz im Berufe tätig sind, ausbilden… Beispiel Karlsruhe: „So lag der Anteil weiblicher Studierender bei den Studiengängen mit dem Schwerpunkt Grundschule im Sommersemester 2007 bei 91,4%. „

Vollzeitjob ade, Teilzeit ist angesagt

So unterrichten Frauen meistens Teilzeit (68% auf der obligatorischen Schulstufe und 81% an den allgemein bildenden Schulen der Sekundarstufe II), mit Ausnahme der Vorschule, wo sich Teilzeit und Vollzeit die Waage halten.

Die Männer hingegen unterrichten in der Mehrzahl Vollzeit (78% auf der Vorschulstufe, 66% an den obligatorischen Schulen und 54% in den allgemein bildenden Schulen der Sekundarstufe II).“ Infos und Tabellen zur Situation in der Schweiz aus dem Jahre 2005  In der Zwischenzeit dürften die Teilzeitanteile nochmals deutlich gestiegen sein. 

Lehrer „sein“ macht krank

„Der Krankenstand bei Lehrern ist mit 8,5 Prozent fast dreimal so hoch wie bei anderen Arbeitnehmern. Nur fünf Prozent der Lehrer halten bis zur Rente durch. Die Pädagogen klagen über rebellierende Schüler und zu hohe Arbeitsbelastung. Forscher und Ärzte versuchen, den Ursachen für den burn out bei Lehrern auf den Grund gehen.“

„In der Klinik Roseneck am Chiemsee, die sich unter anderem auf psychosomatische Erkrankungen spezialisiert hat, sind 15 Prozent aller Patienten Lehrer. Die Klinik-Statistik der häufigsten Krankheitsbilder bei Lehrern ist erschreckend: 69 Prozent haben Depressionen, 33 Prozent leiden unter somatoformen Krankheiten, also körperlichen Leiden ohne nachweisbare Ursache. Bei 21 Prozent stehen Angststörungen im Vordergrund und neun Prozent leiden unter Tinnitus.“aus nano3sat

Es folgt der wissenschaftlich betitelte Hinweis, dauernde Weiterbildung schütze vor diesen Syndromen, was ich entschieden in Frage stelle. Weiterbildung ja, aber gegen Burnout schützt sie meiner Auffassung nach nicht, im Gegenteil, sie kann im ungünstigen Falle nur weiter Stress fördernd sein.

Stundenpool: Sowas wie „Teilzeit bei Aldi“

Ich strapaziere jetzt die Nerven ehemaliger Kolleginnen und Kollegen. Trotzdem, der Vergleich sollte erlaubt sein: Aus verschiedensten Gründen entschliessen sich immer mehr Nahrungsmittel-Verkaufsketten dazu, ihr Personal auf Teilzeit und mit einer ausreichenden Abruf-Reserve zusammenzustellen. Die Leute arbeiten halbtageweise an bestimmten Wochentagen, stundenweise in Stosszeiten usw. Angebot des Arbeitgebers, Nachfrage der Arbeitskräfte. Eine win-Situation für den Arbeitgeber, da viele Sozialverpflichtungen, welche er ansonsten bei Vollzeitpersonal zu erbringen hätte, entfallen. Ausserdem kann er mit diesem Teilzeitpolster auf neue Entwicklungen sehr schnell reagieren.

Ist Schule und damit meine ich die Summe der Klassen und Schüler „Aldi“ geworden? Wer jemals an Stundenplankonferenzen von mittleren und grösseren Schulhäusern teilgenommen hat, den wird dieser Titel nicht erstaunen. Hier geht es doch um das knallharte Einbringen der eigenen Interessen um möglichst optimalen Arbeitseinsatz, um die Hoffnung, ein 50% – Pensum im Optimalfall in zwei Tagen abzuwickeln und für die restlichen drei Nichtarbeitstage Befreiung von Teamarbeit herauszuholen, resp. Antrag, allfällige Sitzungen und Weiterbildungen in diesen zwei Arbeitstagen abzuhalten.. Ob das dann für die Klasse und den einzelnen Schüler Sinn macht, ist zu diesem Zeitpunkt völlig irrelevant. So entstehen dann „Aufgabenhilfestunden“ am Montagmorgen um 07:30….. Für die Lehrkraft eine wertvolle Jahresstunde – und für die Schüler?? Das nenne ich Stundenpool als Selbstbedienungsladen ohne jeglichen pädagogischen Wert.

Wo bleibt das Profil?

Suchen wir es in der Lehrerausbildung. Inzwischen sind die Ausbildungsgänge in wesentlichen Punkten europaweit harmonisiert. Ich verlinke hier::

Pädagogische Hochschule Zürich Fächerwahl im Studium (es lohnt sich, hier ausführlicher zu blättern)

Daraus  ein Auszug:

„Erläuterungen zur Fächerwahl
Alle Primarlehrerinnen und -lehrer müssen daher über die Unterrichtsbefähigung in
  • Deutsch
  • Mathematik
  • Mensch und Umwelt
  • sowie einer Fremdsprache verfügen, weil sie in der Lage sein sollten, als Klassenlehrperson ein grosses Unterrichtspensum an ihrer Klasse zu übernehmen.“

Das heisst im Klartext: Die Lehrkraft von heute arbeitet in der Klasse im Optimalfall mit einem 75%-Pensum. Die restlichen Stunden (falls gewünscht) werden dann noch in andern Klassen oder mit Spezialfunktionen im Team zusammengehubert.

Viel gravierender ist jedoch die Tatsache, dass jede Lehrkraft, welche sich um eine Stelle bewirbt, abgesehen von den Stammfächern, ein unterschiedliches Lehrberechtigungsprofil aufweist, was wiederum Konsequenzen für die Schuljahresplanung und die sonst noch an dieser Klasse beschäftigten Teilzeitarbeitskräfte nach sich zieht.

Diese sehr akademischen Ausbildungsbeschreibungen relativieren sich in Sachen Gehalt und Notwendigkeit gleich auf derselben Seite. Quereinsteiger mit 6 Monaten Ausbildung und 2 Semestern berufsintegriertes Studium. Nach 6 Monaten übernehmen hier Lehrer Klassenverantwortung. Ich hüte mich, zu sagen, diese Lehrer seien weniger qualifiziert, denn es ist sehr wohl möglich, dass sich hier hervorragend arbeitende Lehrkräfte befinden.

Aber: Angesichts dieses ganzen Wirrwarrs ist es nur zu verständlich, dass das Interesse von jungen Männern an diesem Berufe sinkt.. Das Korsett, in welchem sich Lehrkräfte zu bewegen haben und tätig sein können, führt zu Atemnot. Es fehlen die Perspektiven.

Auch Geld alleine löst die Probleme nicht

In der Schweiz sind Lehrkräfte recht gut, aber kantonal unterschiedlich bezahlt. In Deutschland kommt hinzu, dass es so genannte verbeamtete Lehrkräfte und frei angestellte Lehrkräfte gibt. Auch hier kriegt man nicht gleichen Lohn für gleiche Leistung. 3500 € Lohn für einen „verbeamteten Lehrer mittleren Alters“.

Beispiel aus der Schweiz: „Seit bekannt ist, dass Zürich die Einstiegslöhne für Primarlehrer auf 90’000 Franken erhöht, bangen die benachbarten Kantone um ihre Pädagogen. Lehrerverbände nutzen die Gunst der Stunde.“ Tages Anzeiger Und ja: Natürlich ist das Interesse von Lehrkräften auch aus Deutschland und Oesterreich an diesen Stellen inzwischen sehr gross. Lehrstellenmangel im Kanton gelöst , Problem andernorts ausgelagert.

Alles, was ich hier aufgeführt habe, ist Zeugnis für die Tatsache, dass einerseits ein immer verakademisierter Schulbetrieb in immer spezialisierterer Form in die Grundstufe hineingetragen wird, andererseits die personelle Umsetzung dieses Konzeptes zu einem vollständigen Profilwechel (ich sehe dies als Profilverlust) des Lehrberufes beiträgt. Denn:  Trotz vergleichsweise gutem Lohn ist es für Menschen nach der Maturität offensichtlich NICHT erstrebenswert, diesen Job zu ergreifen. Trotz theoretisch sehr umfassender Ausbildung werden immer mehr Bereiche aus dem Lehrerprofil ausgegliedert und Spezialdiensten übertragen. Dazu später mehr.

Dies hat über die letzten zehn Jahre zu einem enormen Vertrauensverlust von Eltern gegenüber Schule und letztlich auch der Lehrkraft beigetragen.

Der verstärkte Trend zu Teilzeitarbeit (und dies in der Schweiz zu einem Lohn, der in anderen Berufen einem Vollzeitlohn entspricht, das soll hier mal ganz klar gesagt sein) führt dazu, dass sich dieser Job für Frauen je länger je optimaler erweist. Je nach Lebenssituation können sie ihre Stundenpensen anpassen, Klassenverantwortung übernehmen, oder aber nur Einzelstunden unterrichten. Männer lassen sich offenbar nicht mehr auf diese Gleichung mit vielen unbekannten sein.

Ja, von den Schülern, um die, welche es eigentlich gehen sollte, habe ich in diesem Abschnitt so gut wie nicht gesprochen und zum Abschluss möchte ich dies doch noch tun: „Mit Hand, Herz und Verstand“, war ein pädagogischer Leitspruch eines Schweizers, Heinrich Pestalozzi und zwar im 19. Jahrhundert. Dieser Satz wird heute noch sehr gerne zitiert. Ich meine er hat über die Schule hinaus Bedeutung, denn er weist auf ein zu wünschendes inneres Gleichgewicht des Menschen hin. Fehlt etwas, wirkt sich dies auf das Gesamtbefinden aus, kann die Entwicklung gestört oder blockiert werden, kann man krank werden.

Fragen wir mal kritisch: Wie steht es heute um Herz, Hand Verstand in unseren Schulstuben? Bei den Kindern? Bei den Lehrkräften? Haben wir bemerkt, dass bereits Kinder in der Altersgruppe 7-12 vorwiegend mit dem Thema Verstand konfrontiert sind und die Bereiche Herz und Hand (sofern als störende Defizite erkannt), therapeutisch und ausserschulisch angegangen werden?

Fragen wir mal bei den Lehrkräften nach: Wie kommt es, dass dieser gut bezahlte „Idealistenjob“ heute an den Fachhochschulen zu bis zu 90% mit Frauen belegt ist? Könnte es sein, dass eben die Verlagerung auf Verstand und die damit einhergehende völlig überbewertete Fachspezialisierung auch in der Grundschule seit über 15 Jahren gerade bei Männern dazu führt, dass sie sich desselben auch bedienen und der Meinung sind, als Beruf fürs Leben tauge der Job des Lehrers nicht (mehr).

Alle, welche nun einwenden, dem sei nicht so, Verfeminisierung eines Berufsbildes in einer wichtigen Entwicklungsphase von Kindern habe  keinen Einfluss, Kinder im Alter von 10 Jahren hätten keine Probleme, sich zwischen drei Fremdsprachen zu bewegen, Lehrkräfte müssten so wie jetzt und nicht anders ausgebildet werden, da das qualitativ Beste und international adaptionsfähig usw., kurz und gut: Die Schule sei auf einem guten Weg, denen möchte ich vier sehr unterschiedlich gelagerte Antworten geben:

– Als Schulplaner müssen Sie sich für Ihren Job um Kopf und Kragen reden, schliesslich ist das Ihre Existenz. Und dass sich rund um die Schule ein wirtschaftlich hoch interessantes zweites Umfeld etabliert hat, darüber müssen wir wohl kaum streiten. Hier wäre angezeigt, dass für Schulplaner eine 7 + 3 Jahre Regel angewendet wird. Das heisst: Spätestens nach 7 Jahren Planungs- und Theoriearbeit drei Jahre ununterbrochen als Hauptlehrkraft an der entsprechenden Schulstufe. DAS schafft Realbezüge. Auch die Fachhochschule darf kein Glashaus sein.

– Gemessen an den „Quantensprüngen“, welche die Lehrerausbildung europaweit in den letzten 15 Jahren erlebt hat, vermisse ich die entsprechenden Ausschläge im Leistungsbereich der Grundschulen und im Sozio-Klima an den Schulen. (sowohl in den Klassen wie auch im Lehrkörper.)

– Es wird sehr viel über die Arbeitsbedingungen und Voraussetzungen, welche Lehrer mitbringen, gesprochen, nicht aber aber über die Mittel und Vollmachten, mit denen sie in der Praxis in ihrem Zuständigkeitsbereich zu arbeiten haben. Hier ist eher Ausklammern von heiklen Themen angesagt. Folgen sind Autoritätsverlust und Konfliktauslagerung.

– Ob es einen Quantensprung in der Schulqualität von Grundschulen darstellt, wenn im Laufe eines Schuljahres zeit- und lektionengenaue Punktlandungen verschiedenster Lehrkräfte in einer Klasse stattfinden (was in der Regel auch funktionert, sofern dann nicht jemand krankheitshalber ausfällt….)?  Zumindest dem Stundenplanteam zolle ich Respekt,  wahrlich eine Herkulesleistung. Jahr für Jahr.

– Bezüglich Professionalisierung, Erhöhung von Fachkompetenz, möglicher Steigerung der Schulqualität sieht das Organigramm super aus, wo sind die Ergebnisse? Ganz rudimentär gefragt: Aufwand und Ertrag? Denn Ersterer ist gigantisch und mit nicht absehbaren Folgen in den kommenden Jahren. Oder erleben wir demnächst wieder einmal den „April April- nun wird alles anders“-Effekt?

Falls jemand meine Gedanken dahin gehend interpretieren sollte, ich hätte Probleme mit weiblichen Kolleginnen, dann weicht er/sie bewusst dem Thema aus, welches ich hier dazulegen versuchte. Damit hat es nun gar nichts zu tun.

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