Schule: Übergeordnete und flankierende Dienste

Es lohnt sich, die Entwicklung der Schule während der letzten 50 Jahre unter diesem Aspekt etwas zu verfolgen. Eingangs möchte ich erklären, was ich unter übergeordneten und flankierenden Diensten verstehe.

Übergeordnete Dienste:

Dazu gehören selbstverständlich und logischerweise die lokalen Aufsichtsbehörden, dann die kantonalen Gremien oder in Deutschland die Landesbildungsministerien. Immer mehr haben sich auch  Pädagogischen Fachhochschulen zu einer übergeordneten Instanz entwickelt, da dort nicht nur gelehrt, sondern auch geforscht und entwickelt wird.  Dazu kommen eine Vielzahl pädagogischer Kommissionen, welche den übergeordneten (vielfach politisch besetzten) Diensten beigestellt sind. Diese Kommissionen sind intern themen- oder fachspezialisiert untergegliedert. Was in diesen übergeordneten Diensten entwickelt, neu erfunden und zum Schluss beschlossen wird, ist im Schulzimmer durch die Lehrkräfte umzusetzen.

Flankierende Dienste:

Sie decken all dies ab, was die Schule nicht zu leisten vermag oder  glaubt, auslagern zu müssen.  Dazu gehören: Sämtliche Therapieangebote, Stütz- und Förderunterricht, themenzentrierte Interventionsteams, Schulsozialarbeit, Mittagstisch, Tagesbetreuung etc. In diesem Sektor finden sich sehr viele frei berufliche Angebote. Beispiel: Schüler mit Verhaltensauffälligkeit wird schulpsychologisch abgeklärt und erhält zwei Wochenstunden Therapie verordnet. Diese wird vielfach von frei schaffenden Therapeuten  durchgeführt.  Oder: Thema Gewalt oder Integration. Dazu gibt es auf dem freien Markt Teams, welche Schulklassen oder ganze Schulen themenzentriert besuchen. Das nennt sich dann Projektwoche. Diese Teams reisen mit ihrem Angebot durch ganze Regionen und spielen ihr Projekt durch.

Konsequenzen im Alltag:  Immer mehr Bereiche, welche sich im Klassenzimmer manifestieren und nach einer Lösung rufen, werden auswärts oder mit Leuten von auswärts angegangen. Es sind dies Fachspezialisten, welche für sich in Anspruch nehmen, diese Problematik zu meistern – ausserhalb des Klassenzimmers und vielfach in Unkenntnis der Realitäten vor Ort. Angeboten werden neue Lösungsstrategien, Arbeitstechniken für das Kind, eine Klasse oder eine Schule. Die so in die Klasse oder die Schule hineingetragenen neuen Impulse sollen dann durch die Lehrkräfte oder Teams weiter vertieft und tatsächlich umgesetzt werden. Vielfach wird dies als Mehrbelastung und Bürde empfunden. Bürde deswegen, weil die erwarteten Verbesserungen nur ansatzweise erfolgten, dafür ein neues Schüler- oder Lehrerinstrument  eingefügt wurde, welches nun ebenfalls zur Routine geworden ist.

Konsequenzen im Beruf, mal anders formuliert:

Es gibt inzwischen immer mehr Bereiche im Klassenzimmer, für welche die Lehrkraft nicht mehr als zuständig oder kompetent erscheint oder erklärt wird. Lese- Schreibschwäche, Diskalkulie, Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, Generelle Verhaltensstörung, Gewalt im Schulzimmer usw.  Das Vorgehen ist mehr oder weniger immer dasselbe, wenn es sich um einzelne Schüler handelt, welche diese Schwierigkeiten zeigen oder auslösen: Meldung an Schulleitung, Anmeldung beim Schulpsychologischen Dienst, Abklärung und von dort Anordnung einer Einzelmassnahme während oder ausserhalb der Schulzeit.  Dauer, rund ein Jahr und dann sitzt man zusammen, trifft eine Standortbestimmung und in den meisten Fällen wird es als sinnvoll angesehen, diese Massnahme um ein Jahr zu verlängern. Da viele dieser Massnahmen in Praxen ausserhalb des Schulhauses stattfinden, kann sich nun jedermann den Schulbetrieb einer Klasse, in welcher 30 – 40% der Schüler Anrecht auf irgendwelche Sonderstunden  oder  –behandlungen haben, selbst ausmalen. Und: Hat sich nun dank dieser Massnahme irgendwas im Schulzimmer geändert?

In diesem Zusammenhang muss unbedingt noch ein Aspekt hinzugefügt werden.

Teamentwicklung, teilautonome Schulen etc.

Auf Ebene Lehrkörper finden ebenfalls eine Vielzahl von Aktivitäten statt, welche weit über Weiterbildung hinausgehen. Je nach Bundesland/Kanton ist dafür eine Wochenstunde vorgesehen. Auch hier sind es Spezialisten, welche  im Auftrage der Erziehungsbehörde beispielsweise Bausteine entwerfen und Etappenziele zum Thema teilautonome oder geleitete Schule (was genau ist damit gemeint? Verwaltungseinheit oder Fachautonomie? Erfüllen Schulleiter im Auftrag der Behörden das, was ein Gefreiter im Militär macht?) definieren. Innerhalb von drei Jahren steht dann an Stelle einer normalen Schule eine geleitete Schule mit einem Leitbild und Profil. Die Mediatoren, teilweise mit eigenen Teams, sind frei beruflich tätig und arbeiten zu entsprechenden Tagesansätzen. Hier das, was unter geleiteter Schule in der Stadt Zürich verstanden wird. Darüber steht dann noch eine Autorität, welche von den Schulen was will. Fachstelle für Schulbeurteilung, hier ein Jahresbericht. Wenn man nun all dies betrachtet, stellt sich unweigerlich die Frage: Inwiefern profitieren nun die Schülerinnen und Schüler von diesem System? Und noch etwas: Schule erscheint unheimlich komplex und ist offensichtlich sehr kompliziert. Als krasser Gegensatz dazu steht aber auch Folgendes im Raum: ICH mache Schule. Quer durch alle Gesellschaftsschichten, im Organigramm festgeschrieben.

Der Sektor Schule ist ein Riesengeschäft

Diese Aufzählungen zeigen noch etwas. Mit dem Thema Schule wird auf verschiedensten Ebenen gutes Geld verdient. Diese Dienste oder Dienstleister sind nur am Rande mit der Schule beschäftigt, nicht im Team integriert. Dieses Feld der freien Anbieter ist in den letzten 30 Jahren kontinuierlich gewachsen und erhebt meistens den Anspruch, dass die referierten Gedanken oder Projekte in die Schule einfliessen sollten und dazu bedürfe es engagierter Lehrkräfte.

Man muss sich dies alles in einem produzierenden Betrieb vorzustellen versuchen, beispielsweise einem Hersteller von Autobestandteilen. In kürzester Zeit müsste er mangels konstanter Produktivität den Betrieb einstellen. Hier gilt: Entscheid, ein Markt gerechtes Produkt zu lancieren und dann auf hohem Standard und mit maximaler Produktivität während eines bestimmten Zeitraumes abzusetzen. Die mit der Produktion betrauten Mitarbeiter arbeiten dabei nach klar umrissenen Vorgaben und Kompetenzen..  Allenfalls können Verbesserungsvorschläge eingebracht werden, welche im Erfolgsfalle prämiert werden. Ansonsten müssen die Angestellten dann, wenn es die Firmenleitung vorsieht, mit neuer Technologie, neuer Einarbeitungsphase, ein neuartiges oder verbessertes Produkt herstellen.

Hervorzuheben ist dabei, dass der so genannte unternehmerische Entscheid letztlich im Betrieb gefällt werden muss und bei einem allfälligen Misslingen die verantwortlichen Manager, im schlimmsten Falle auch die Belegschaft, die Folgen zu tragen haben werden. Je mehr Kompetenzen im Betrieb genutzt werden, desto grösser ist die Stabilität desselben, wie sich an vielen Beispielen der letzten Jahre belegen lässt. Lange ist die Schlange der Firmen welche mit „neuem“ know how und von aussen eingebrachten neuen Managementmethoden in Schieflage geraten sind. Mittels einer Abfindung wird dann der Sündenbock entlassen und die Firma muss selbst weiter schauen, wie sie wieder aus dem Loch herauskommt. Gibt es sowas im System Schule?

Angesichts der vielschichtigen Strukturen der Volksschule sind diese Entscheidungsstrukturen, auch die Verantwortlichkeiten, nicht mehr zu erkennen. Zu viel ist ausgelagert und teilweise trotzdem irgendwie bindend. Zu viel wird beratend angeleiert mit dem Ziel, dieses Element institutionell zu verankern (und damit die eigene Zukunft materiell abzusichern). Dies alles führt zu einem Verlust von Kompetenz und Autorität der Menschen, welche im Kerngeschäft, also in der Schulstube tätig sind. Dies versuche ich im folgenden Kapitel zu beschreiben: Schule wird „abgewickelt“.

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