Papstbesuch: Pomp auf Staatskosten,Verhöhnung von Missbrauchsopfern

Nun war er also da, der Papst aus Rom, hat während vier Tagen bei den Einen Freude und Hochgefühl, bei den Andern Kopfschütteln und Unverständnis hervorgerufen. Genau so konträr waren auch die Positionen, welche der Kirchenfürst selbst in verschiedenen Reden bezogen hat. Von liberal bis Beschwörung der Papsttreue war alles zu haben. Reformer aus der Praxis sehen sich betrogen, denn die dringlichen Probleme der katholischen Kirche wurden nicht angesprochen.

Vielleicht liesse sich dies auf einem andern Wege lösen, denn in einem Punkte bin ich mit dem Kirchenfürsten einig: Die kath. Kirche als Institution ist in Europa bequem geworden. Ich gehe noch einen Schritt weiter: Lebt wie die Made im Speck. Das ist zu begründen:

Einnahmen aus Kirchensteuern rund 5 Mia € im Jahre 2009. Die protestantische Kirche bringt es übrigens auf 4,360 Mia.  Eingezogen durch den Staat und somit leicht verdientes Geld. Damit könnte man ja allenfalls noch leben. Dass jedoch die kath. Kirche gerade in Deutschland neben diesen Kirchensteuern mittels so genannter Konkordate via Steuergelder (also auch der Protestanten und Andersgläubiger ) weitere Milliardenwerte in Form von Bereitstellung und Unterhalt kirchlicher Gebäude, Bezahlung von Lohn, Renten und Wohnung von Spitzenfunktionären etc. kriegt, ist nicht nachvollziehbar. Im Detail liest sich dies so:

  • Fonds für Erzbischöfliche und bischöfliche Stühle und ihrer Domkapitel.
  • Standesgemäße Wohnung für die Erzbischöfe, Bischöfe, den Dignitäre, der Hälfte der Domkapitulare durch den Staat.
  • Staatlich Versorgung des Generalvikars und des bischöflichen Sekretärs.
  • Geeignete Gebäude für die Ordinariate, Domkapitel und deren Archive durch den Staat.
  • Bestandsgarantie für das Vermögen und die Einkünfte der Domkirchen.
  • Verbürgung des Staates im Unterhalt der Domkirchen einschließlich deren Ausgaben für Gottesdienste und der Besoldung weltlicher Bediensteter notfalls Ausgleichszahlungen zu leisten.
  • Staatliche Beihilfe für Knaben- und Priesterseminare.
  • Angemessene Zuschüsse für die Emeritenanstalten und die Eremiten.
  • Bei Veränderung von Pfarrstellen angemessene Bezuschussung der Geistlichen.
Quelle Wikipedia, Bayrisches Konkordat Vergleichbare Konkordate gibt es noch viele.

Ja, und dann kommt der Papst auf Besuch. Brot und Spiele für die Gläubigen. Das will inszeniert sein und kostet. Die kath. Kirche rechnet mit rund 25 Mio €, welche aus Kirchenkassen berappt wurden. Dazu ein erster Überblick  Dass in etwa derselbe Beitrag von der öffentlichen Hand zu erbringen war, werden wir wohl etwas später nachrechnen können.

In dieser Szenerie spricht der Papst von der „neuen Bescheidenheit der Kirche“, von der Entflechtung vom Weltlichen, von mehr Eifer und weniger Abhängigkeit. Hmmm, erste Kommentatoren glaubten schon, es handle sich um eine Abkehr vom Jahrhunderte währenden Selbstbedienungsrecht an den Gütern der Menschen, heute des Staates und ausschliesslich monitär. Diese Optimisten wurden schnell und kalt geduscht:„Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Freiburgs Erzbischof Robert Zollitsch, wertete die Forderung nach einer Entweltlichung der Kirche als Signal zum Innehalten. Dem Papst gehe es nicht um die Abschaffung der Kirchensteuer oder des Religionsunterrichts.“

Das hätte noch gefehlt: Die kath Kirche, derzeit eh von Kirchenaustritten und offenbar auch Finanznöten geplagt, wie soll sie denn auf diese Pfründe verzichten? Da hat sie sich nämlich sehr gut abgesichert. Eine Auflösung dieser Konkordate ist nur im gegenseitigen Einvernehmen möglich. Nein, diese Umbesinnung ist nur geistig gemeint.

Damit dieser Hochseilakt  klappt, will zumindest der Bauch gut gefüllt sein.. Dies die Tradition und damit dem so bleibt, muss man die Schärfchen zusammenhalten und aufpassen. Schliesslich hat man in den letzten Jahren genug geblutet.

Bei den aktuellen Ermittlungen in Los Angeles geht es in erster Linie um den Ex-Priester Michael Baker, der 2007 wegen Missbrauchs zu zehn Jahren Haft verurteilt wurde. Baker behauptet, dem Bischof seine Taten schon in den achtziger Jahren gebeichtet zu haben. Auch Monsignor Richard Loomis, Mahonys früherer Chefvikar, hat seinen Ex-Boss unter Eid beschuldigt, den Missbrauch verschwiegen zu haben.Im selben Jahr, da Baker hinter Gitter wanderte, willigte das Bistum ein, insgesamt 508 Missbrauchsopfern 660 Millionen Dollar Wiedergutmachung zu zahlen, also knapp 1,3 Millionen Dollar pro Kopf. Ein Jahr später musste es aus Geldnot seine Verwaltungszentrale in Los Angeles verkaufen.“ Quelle

Ja, das tut weh. Alleine in Los Angeles 660 Mio Dollar. Total über 2 Mia Dollar an Vergleichen und dort zieht der Staat die Kirchensteuern nicht ein. Nun gut, es gibt noch andere Möglichkeiten. Eine davon haben die Jesuiten, eigentlich Vorzeigetruppe des Vatikans, in den USA beispielhaft demonstriert:

„Die Provinz der Jesuiten in amerikanischen Bundesstaat Oregon hat Insolvenzantrag gestellt. Damit reagiert die Provinz auf Schmerzensgeldklagen in Millionenhöhe von Missbrauchsopfern in der betroffenen Provinz, wie der Sprecher der Deutschen Jesuitenprovinz, Thomas Busch, an diesem Montag auf Anfrage sagte. Dies habe nichts zu tun mit den aktuellen Fällen in Deutschland. In den USA gibt es insgesamt zehn Provinzen der Jesuiten. Damit widersprach Busch einer Vorabmeldung des Münchner Magazins „Focus“ vom Wochenende. Darin war behauptet worden, mit der Insolvenz in den USA habe der Orden einer möglichen Sammelklage von deutschen Missbrauchsopfern auf finanzielle Entschädigung vorgebeugt. US-amerikanische Gerichte gestehen Missbrauchsopfern hohe Schmerzensgelder zu.“Quelle 

An anderer Stelle:

„Die Entscheidung, Gläubigerschutz nach Chapter 11 zu beantragen, sei nicht leicht gewesen, erklärte Provinzial Patrick Lee. Angesichts von 200 weiteren Klagen, die anhängig seien oder drohten, sei dies aber der einzige Weg, wie allen Klägern eine faire finanzielle Regelung angeboten werden könne. Quelle

Da ist sie wohl, die neue Bescheidenheit. Man legt mit juristischen Tricks unmissverständlich klar, dass man sich nicht länger schröpfen zu lassen gedenkt. Sollen die Opfer sexualisierter Gewalt selbst schauen, was sie aus ihrem, von Kirchendienern verpfuschten Leben noch  machen können. Mitgefühl und beten ja, aber das muss reichen. Es lebe die neue Bescheidenheit.

In Deutschland muss sich die Kirche keine Sorgen machen, mit derartigen Forderungen konfrontiert zu werden.  Die Regierung ist fürsorglich als Puffer und Schutzschirm eingesprungen und hat eine Kommission gebildet, welche dann irgendwann den tollen Vorschlag auf den Tisch legte, pro Opfer müssten 5000 € reichen. Zur Erinnerung: In den USA rund 1,3 Mio Dollar pro Opfer…

So gesehen war natürlich ein Dankesbesuch des Papstes durchaus angezeigt und der schäbige Akt, sich dabei mit 5 Missbrauchsopfern hinter verschlossenen Türen zu treffen, bestätigt nur das, was insbesondere die kath.  Kirche ausmacht: Verhandeln, paktieren, vertuschen und  der Versuch, das alles auszusitzen.

Dieser Besuch als PR-Aktion war gute 50 Mio € wert, auch wenn davon andernorts Zehntausende von Menschen  vor dem Hungertod hätten geschützt werden können. Und wir alle haben unseren Teil dazu beigetragen, wenn nicht als Besucher, dann als Steuerzahler.

Ich finde, es ist höchste Zeit, mittels Trennung von Staat und Kirche diese vom Papst ausgerufene Bescheidenheit zu unterstützen. Es ist nicht mehr der Staat als Zehnteneintreiber der mittelalterlichen  Kirche, welcher für kontinuierlichen Geldfluss sorgt, nein: Die Kirche muss sich selbst um ihre Einkünfte bemühen und da dürfte das Leistungsprinzip nicht unwesentlich sein. Angesichts der momentanen Perfomance und der unglaublichen Vergreisung  des Managements befürchte ich jedoch, dass die kath. Kirche im Deutsch sprachigen Raum in Kürze dem Weg der Jesuiten in den USA folgen würde, allerdings ohne Gläubigerschutz…

Und zum Thema Umgang mit Missbrauchsopfern mal reinlesen:

Der Kampf der Opfer von sexueller Gewalt durch Amtsträger kirchlicher Institutionen in Deutschland.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s