Schule? Wird „abgewickelt“…

All meine bisher gezeigten Beispiele zeigen etwas auf: Das Kerngeschäft Unterricht auf der Grundstufe  ist eingeschnürt in ein sehr enges Korsett, welches ganz wenig Bewegungsspielraum zulässt. Eingegliedert in einem vielfältig vernetzten organisatorischen Überbau und Fachumfeld hat Unterricht zu funktionieren.  Wohl wird in Visionen und Schulhausprofilen in wunderbaren Sätzen Lernen in all seiner Vielfältigkeit definiert und als Bestandteil von Schulhauskultur erläutert.  Allerdings fällt Vieles alleine schon auf Grund dieses Korsetts aus Rang und Traktanden, kann allenfalls in Form einer Projektwoche, eines Sporttages, vielleicht einer mehrtägigen Klassenfahrt  einmal im Jahr ansatzweise angegangen werden. Dies wird dann in den Fachstellen für Schulhausbewertung wohlwollend vermerkt, auch wenn mindestens 36 Schulwochen eher von Eintönigkeit geprägt waren. Eintönig für die Kinder.  Die Lehrkräfte selbst sind nämlich neben den Lektionen, welche sie erteilen,  reichlich eingedeckt mit Sitzungen in Arbeitsgruppen, Absprachen mit Stellenpartnern, Elterngesprächen, Sitzung mit Therapeuten oder andern Spezialisten und natürlich Vorbereitung und Korrekturen. Nicht zu vergessen Teamarbeit im Schulhaus, der so genannte Konvent. Die heutige Schulstruktur funktioniert nur noch so.

Um dies alles überhaupt unter einen Hut zu bringen, greift man vielerorts zu folgender Unsitte: Team- und Arbeitsgruppensitzungen werden über die Mittagszeit angesetzt, befristet auf eine Stunde. Das muss man sich vorstellen. Lehrkräfte, welche 4 oder 5 Lektionen erteilt haben, setzen sich also von 12 Uhr bis 13 Uhr an einen Tisch und besprechen aktuelle Schulthemen oder –projekte. Klar, man ist hungrig; klar, nach 4 oder 5 Lektionen hätte man jetzt lieber eine Pause.  Aus rationellen Gründen und wohl auch aus Respekt, ein separates Sitzungsgefäss beispielsweise an einem Mittwochnachmittag (ist dieser Nachmittag arbeitsrechtlich Arbeitstag oder ein Frei-Tag?) einzuführen, quetscht man also diese Mittagssitzungen rein. Vielfach werden Themen vertagt, unter Zeitdruck gefällte Entscheide erweisen sich in der nachfolgenden Sitzung als problematisch, werden nochmals diskutiert  und zur Abstimmung gebracht. Um 13 Uhr dann der Spurt in ein Selbstbedienungsrestaurant, essen und gleichzeitig die soeben stattgefundene Mittagssitzung besprechen (wo dann viele mehr sprechen als während der ganzen Sitzung zuvor..), Kaffee und los, es ist 13:35, um 13:45 beginnt wieder der Schulbetrieb, zwei oder drei Lektionen. Die Ergebnisse dieser Sitzungen habe ich als eher dürftig erlebt, die Motivation, anschliessend zu unterrichten, ebenfalls. Ach ja, auch Teilzeitlehrkräfte (z.B. ab 12 Wochenstunden) müssen an diesen Sitzungen teilnehmen. DAS meine ich mit abwickeln. Aber: Die Schule „leistet“ das, was von ihr gefordert wird und dafür wird sie gelobt. Was haben eigentlich die Kinder, um welche es ja letztlich geht, von diesem absurden Konstrukt?

Es ist uns gelungen, Schule in den letzten 30 Jahren derart zu instrumentalisieren, heikle Themen an Spezialdienste auszugliedern, dass damit  vor allem für die Eltern eine sehr unverbindliche und kaum mehr durchschaubare Struktur  entstanden ist. Gleichzeitig hat die Schule als Institution es geschafft, im Sinne von Demokratisierung und gleiche Bildungschancen für alle, vor allem auf der Grundstufe, einen derart verwässerten Betrieb aufzubauen, dass „verwässert“ auch für die Leistungen der Schülerinnen und Schüler ein Siegel geworden ist, wovon vor allem Gewerbetreibende ein Liedchen singen können.

Schule hat eine Eigendynamik entwickelt, wächst nach den Gesetzen der Wirtschaft institutionell weiter, da ein neues Gärtchen, dort ein neuer Park und um alles herum ein grosser Zaun, das ist Schule. Leider findet dieses „Wachstum“ meiner Wahrnehmung zufolge nicht im Kerngeschäft statt.

–          Wir sind nicht in der Lage, sich seit 15 Jahren abzeichnende Engpässe in Fachbereichen der Industrie oder der Medizin mit entsprechend ausgebildeten jungen Menschen zu schliessen.

–          Wir scheinen grosse Defizite im Bereiche Hochqualifikation zu haben und decken diese mit ausländischen Spitzenkräften ab, (welche keineswegs billiger  zu haben sind als Einheimische), auch das sei angemerkt.

–          Wir bilden inzwischen Lehrkräfte für Grundschulen nach einem Bildungsplan aus, der genau so verzettelt ist, wie die Schule sich heute in der Praxis präsentiert.  Auf der einen Seite 6 Semester akademische Ausbildung, wenn es aber eilt, lässt man auch Quereinsteiger mit 6-Monatsaubildung zum Schuldienst zu…

–          Wir verakademisieren  7-12-Jährige und unterziehen sie einem Ausbildungsprogramm, zu welchem gefragt werden muss, ob dies nun Kind gerecht oder Lehrer gerecht ist.

Seit rund 10 Jahren ist das alles eingebettet in ein vielschichtiges Bewertungssystem. Lehrerbeurteilung durch Schulleitungen (sehr problematisch, da vielfach ehemalige Kollegen), auch auswärtige Laien oder Experten. Bewertung der Schulleitung, ob sie in der Lage ist, die Schule im Rahmen der vorgegebenen Richtlinien zu führen. Bewertung des Schulhauses als Ganzes. All diese Prozeduren erfordern von den Beteiligten einen nicht unerheblichen Zeitaufwand und trotzdem arbeiten unfähige Lehrkräfte weiterhin,  übernehmen den nächsten Klassenzug;  wechseln in bestimmten Schulhäusern Lehrerteams und/oder Schulleitungen inflationär. Schon aufgefallen? Seit wann ist Mobbing unter Lehrkräften ein Thema? Was und weshalb gibt es da plötzlich zu mobben?

All dem liegt meiner Auffassung nach ein elementarer Denkfehler zu Grunde: Man will  unsere Schulen nach dem Muster der ISO-Zertifizierung glaubhafter, steuerbarer  machen und qualitativ verbessern.  Denkfehler und Irrtum. Weshalb?

  • Haben Sie schon einmal ihre Ehe zertifiziert?
  • Wie steht es mit einer Zertifizierung von Familien?
  • Gibt es vergleichbare Instrumente für Freizeit- und Sportvereine(mal vom reinen Regelwerk abgesehen) ? Ist Ihnen schon aufgefallen, dass Hausordnungen in Schulhäusern immer weicher gespült sind, ganz im Gegensatz zu den Regeln im Sportclub?
  • Sind Parteien und Glaubensgemeinschaften ISO-zertifiziert?
  • Generell: Überall, wo der Mensch als Persönlichkeit im Mittelpunkt steht, kann diese Form von „Garantie bezüglich Betriebsablauf und Qualitätssicherung“ nicht funktionieren, steht sie im Gegensatz zum Zweck der Gemeinschaft, der Familie, der Ehe: Sich dynamisch und kontinuierlich weiter entwickeln, die Einen so, die Andern so. Dazu gehören für mich auch die Klassen der Volksschulstufe, wo auch immer sie geographisch angesiedelt sein mögen..

Dorfschule

So, genug gestänkert. Zum Schluss dieses Beitrages eine aktuelle Geschichte  aus der Türkei. Ein kleines Dorf im Osten der Türkei, wo vielfach noch Mädchen nur mit Behördendruck zur Schule kommen, über 50 Kilometer vom nächsten Zentrum entfernt, 80 Häuser: Görünlü Köy. 1953 errichteten die Einwohner mit Unterstützung des Staates ihre Dorfschule. Von den Absolventen dieser Mehrklassenschule wurden bis heute 135 Kinder Lehrer, 66 Ärzte, viele Anwälte, Ingenieure, einer davon inzwischenbei der Nasa. Nachdem der erste Lehrer in Rente ging, wurde diese Stelle immer wieder von ehemaligen Absolventen dieser Dorfschule besetzt. Das heisst, Ausbildung auswärts, aber anschliessend kehrt man hier in „sein“ Dorf zurück, in welchem der Grundstein für die Berufsausbildung gelegt wurde.  Die Lehrkräfte unterrichten im Bemühen, den Kindern dieses abgelegenen Dorfes dieselben Chancen und Voraussetzungen für eine höhere schulische Ausbildung zu ermöglichen, welche engagierte Lehrer ihnen selbst zukommen lassen haben. Das will man zurückgeben. Offensichtlich mit Erfolg. Jetzt, nach 60 Jahren und angesichts der schulischen Erfolge wünschen sich die Dörfler, dass das Ministerium die Schulanlage modernisiert, oder ein neues Gebäude errichtet. Denn auch dieses Jahr gingen von 11 Schulabgängern neun direkt in die Universität…

Das ist kein Einzelfall, ich kenne ein vergleichbares Beispiel aus dem Taurusgebirge im Kreis Gazipasa-Antalya.

Mir gefällt die Geschichte, denn sie definiert für mich zugleich die Schule als Ganzes. Gibt es dazu noch mehr zu sagen?

Ein Video aus dem besagten Ort, in welchem übrigens auch der Dorfvorsteher über Universitätsausbildung verfügt. Beim Betrachten der Bilder ist zu erkennen, dass offenbar auch unter einfachsten Bedingungen erfolgreich unterrichtet werden kann.

All meine bisherigen Beiträge zum Thema Schule

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